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Michael Haneke // Story

Michael Haneke

Brutal belustigt

Gewalt ist ein integraler Bestandteil von Film und Fernsehen. Der Regisseur Michael Haneke findet das falsch und hat mit „Funny Games U. S.“ ein Remake seines eigenen medienkritischen Psychoschockers gedreht. U_mag traf den ausgesprochen munteren Österreicher, der eigentlich gar keine Interviews geben will.

Interview: Jürgen Wittner

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U_mag: Herr Haneke, warum haben Sie Naomi Watts für die weibliche Hauptrolle ausgewählt?
Michael Haneke: Weil sie am meisten der Figur entspricht, und weil sie die schauspielerischen Möglichkeiten besitzt, das zu spielen. Es ist ja keine leichte Rolle. Ich hatte sie in "21 Grams" und in "Mulholland Drive" gesehen und wusste: Die kann das!
U_mag: Sie muss ein schweres Erbe antreten.
Haneke: Ja! Als ich den Film machte, gab es ein Horrorszenario für mich: dass der zweite Film schlechter wird als der erste. Deshalb musste ich eine tolle Besetzung haben. Als mich der Produzent gefragt hat, ob ich den Film machen will, habe ich gesagt: Nur, wenn es die Naomi Watts spielt.
U_mag: Was den Film so schwer konsumierbar macht, ist vor allem das Zerbrechen der Persönlichkeit der Hauptfigur Ann. Ihr Noch-mal-stark-Werden im absoluten Kaputtsein hat Susanne Lothar meiner Meinung nach weitaus beklemmender hingekriegt als Naomi Watts. Das aber wirkt sich massiv auf Ihre Intention aus, die Sie auch mit dem Remake verbinden.
Haneke: Wenn Sie das so empfinden, werde ich nichts dagegen sagen. Ich werde den Teufel tun und etwas gegen Susanne Lothar sagen, mit der ich jetzt (lacht) wieder meinen nächsten Film mache! Ich finde, dass die Naomi ihren Job nicht schlecht gemacht hat, aber einen Eindruck, den Sie haben, kann ich Ihnen schlecht ausreden. Gegen Eindrücke ist nicht zu argumentieren. Ich finde es auch müßig, das zu vergleichen. Ich denke, dass der zweite Film genauso gut funktioniert wie der erste.
U_mag: Vor einigen Jahren sagten sie, "Funny Games" sei durch das steigende Gewaltpotenzial in den Medien konsumabel geworden.
Haneke: Das stimmt. Natürlich ist der Film durch den Verschleiß der Mittel, der in diesen zehn Jahren stattgefunden hat, nicht mehr so schockierend wie damals. Nach dem, was ich inzwischen vom Publikum mitgekriegt habe, (lacht amüsiert) ist er aber immer noch schockierend genug. Gewalt optisch nicht darzustellen ist wesentlicher Bestandteil des Films. Man kann auch keinen antifaschistischen Film mit einer faschistoiden Ästhetik machen. Wenn man dieses Prinzip der nicht optischen Darstellung von Gewalt aufgibt und Elemente von Filmen wie "Hostel" hinzufügt, funktioniert das nicht. Für mich ist noch immer das negative Musterbeispiel "Natural Born Killers" von Oliver Stone, der sich offensichtlich gegen die mediale Repräsentation von Gewalt richten will, es aber mit einer Ästhetik macht, die genau diese Gewalt repräsentiert.
U_mag: Ihr US-Verleih hat den Start von "Funny Games U.S." um Monate verschoben, weil er sonst in Konkurrenz zu "Saw IV" getreten wäre.
Haneke: Ja. Ich war total dagegen, ich war wütend. Ich bin mit den Herrschaften sehr im Bösen geschieden. Der Film sollte im Oktober rauskommen, ich hatte eine Retrospektive meiner Filme im Museum of Modern Art in New York geplant, das war alles zur selben Zeit gedacht und hätte auch Publicity-mäßig sehr gut gepasst. Und dann haben die, weil irgendwelche Horrorfilme rausgekommen sind zur selben Zeit, meinen Film verschoben. Und zwar in die Zeit zwischen Oscar-Nominierung und -Verleihung, was die blödeste Zeit überhaupt ist, um einen Film zu starten, denn alle Leute gehen in die nominierten Filme.
U_mag: So sehr Sie freie Hand bei der Produktion hatten, so wenig hatten Sie hinterher bei der Präsentation des Films mitzureden?
Haneke: Bei der Produktion hatte ich den Final Cut im Vertrag, wo sie auch versuchten, mir reinzureden. Da habe ich nur geantwortet, dann machen wir den Film halt nicht, ich muss ihn ja nicht machen. Es gab unglaublichen Druck, den Film dann doch durchzuziehen. Sollte ich noch einmal ein Angebot aus den USA erhalten, würde ich mit meinem jetzigen Wissen andere Forderungen stellen, auch in zeitlicher Hinsicht.
U_mag: Soll es nicht auch ein Remake von Caché geben?
Haneke: Es gibt mehrere Remake-Angebote, eines für Caché. Da hab ich gleich gesagt, das mache ich nicht, das soll jetzt angeblich der Ron Howard machen, was (lacht erst mal) sicher lustig wird. Eine andere Firma hat um die Remake-Rechte für "Der siebte Kontinent" ersucht. Ich lasse mich überraschen. Ich werde sicher kein anderes Remake machen. "Funny Games U.S." habe ich nur gemacht, weil der Film von Anfang an für ein englischsprachiges Publikum gedacht war.
U_mag: Sie haben mal über "Funny Games" gesagt: Komödie trifft auf Tragödie, und es kracht.
Haneke: Ich habe zu den Schauspielern gesagt: Ihr spielt die Komödie, und ihr spielt die Tragödie. Das ergibt diese wahnsinnige Spannung.
U_mag: Kennen Sie irgendeinen Film, der eine ähnliche Struktur hat?
Haneke: Mir fällt im Moment keiner ein.
U_mag: Eben. Mir auch nicht. Wie kommen Sie nur auf solche Ideen?
Haneke: (lacht) Das ist eine fiese Methode, ich weiß. Wie man auf solche Ideen kommt? Keine Ahnung. Wie kommt man überhaupt auf eine Idee? Man überlegt sich, wie mache ich eine Sache möglichst effizient.
U_mag: Bei "Funny Games" gehen viele Leute nicht zuletzt deshalb vorzeitig aus dem Kino. Sie selbst haben mal gesagt, wer den Film bis zum Ende schaut, hat’s nötig gehabt.
Haneke: Genau!
U_mag: Wie kann man die Leute mit solchen Aussagen überhaupt noch dazu bewegen, in Ihren Film zu gehen?
Haneke: Ich will ja am liebsten auch gar keine Aussagen machen. Ich will ja gar keine Interviews geben, ich werde von der Produktion gezwungen. (lacht) Ich finde Interviews ganz kontraproduktiv. Dann wird der Film nur unter dem Aspekt gesehen, unter den ich ihn gestellt habe, und das ist eine Verengung. Der Zuschauer soll sich naiv den Film anschauen. Und dann soll was mit ihm passieren.
U_mag: Und über was sollen wir dann reden?
Haneke: Ich sag ja: über gar nichts. (lacht immer noch) Ich kann irgendwelche Episoden mit den Schauspielern erzählen. Über den nächsten Film, das habe ich mir schon jetzt vorgenommen, werde ich kein Wort sagen.

26.05.2008

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