Silbermond // Story
Mach mal langsam
Von Stefan Woldach
"Ihr seid die ganze Zeit am Reden, aber nichts passiert", singen Silbermond. Fühlt sich jemand an den Nullwahlkampf erinnert? Die Bautzener Band analysiert aber nicht die inszenierten TV-Scharmützel; ihr Song ist bereits eine Reflexion der Vergangenheit. "Meine Großeltern gehen nicht mehr wählen, da unsere Politiker sowieso nichts machen", erklärt Thomas Stolle, so etwas wie der Pressesprecher der sächsischen Popkoalition. "Und wenn ich selbst Zeitung lese und mir die Nachrichten anschaue, höre ich immer nur Floskeln. Es wird viel versprochen. Letztlich passiert nichts."
Gitarrist Thomas Stolle, sein basszupfender Bruder Johannes, Schlagzeuger Andreas Nowak und Sängerin Stefanie Kloß sind engagiert. Sie wollen nicht auf Versprochenes warten, sondern lieber selbst was bewegen. Silbermond sind nicht nur Popmusiker. Sie sind auch Gutmenschen mit Helfersyndrom, unerschütterlich optimistisch, randvoll mit Visionen, Werten, Tugenden. Genau so klingt auch ihr rockiger Deutschpop. Statt wie viele Altergenossen dem letzten Hype hinterherzuhecheln, beklagen sie in "Irgendwas bleibt", worüber normalerweise eher greise Generationen greinen: dass alle Lebensbereiche zunehmend an Fahrt aufnehmen, bis die Rasanz eine mögliche Nachhaltigkeit unmöglich macht. "Auch wir staunen nur noch, wie schnell Dinge kommen und gehen. Und nur die wenigsten haben Bestand", sinniert Stolle.
Nun existiert diese Betrachtungsweise schon seit der industriellen Revolution. Doch heute interessieren sich selbst Mittzwanziger bereits für das Thema Entschleunigung. Obwohl gerade Silbermond ein Interesse daran hätten, ihre Fans in Atem zu halten auf der Jagd nach der neusten Single, dem neusten Klingelton. "Ich find’s nervig, auf den TV-Musikkanälen nur noch Klingeltonwerbung zu sehen", vertritt Stolle eine nicht unbedingt alterstypische Meinung. "Es gibt heute so viele Versuchungen, denen viele Kids nicht widerstehen können. Die geben dann viel zu schnell andere Dinge preis und verlernen dadurch, für wichtige Dinge zu kämpfen." Zum Beispiel? "Freundschaft", sagt die Band unisono.
Im Gegensatz zu vielen kreativen Zweckgemeinschaften betont die Viererbande ihre Verbundenheit, zeigt sich stets betont umgänglich, unaffektiert, höflich, bescheiden. Früh haben Silbermond die Mechanismen des Showgeschäfts erkannt und deswegen auf den längeren Weg gesetzt, den sie dann bemerkenswert flott bewältigten. "Es wäre für uns nie eine Option gewesen, in einer Castingshow innerhalb von Wochen entdeckt, aufgekocht und wieder vergessen zu werden. Wir gehen den Weg, der auf Dauer bestimmt glücklicher macht", ist man sich sicher. Silbermond kokettieren keineswegs nur mit klugen Statements. Man meint, was man sagt. Auf der anderen Seite sind sie auch ausgebuffte Medienprofis, die genau wissen, dass Bescheidenheit ein Anzug ist, der stets tadellos sitzt. Dazu beherrschen Silbermond die Kunst der Diplomatie meisterhaft. Beispiel Deutschquote im Radio: "Auf der einen Seite finden wir es gut, dass man etwas für junge deutsche Bands tun will. Auf der anderen Seite hat der Versuch, so eine Quote per Gesetz durchbringen zu wollen, immer einen negativen Beigeschmack aus der Geschichte, als versucht wurde, die Kunst in eine Richtung zu lenken. Trotzdem denken wir, die Plattenfirmen sollten mehr Mut besitzen, junge Bands zu unterstützen."
Diplomatischer geht’s kaum. Doch weil Silbermond nicht nur taktieren, sondern auch anpacken, unterstützen sie Proberaumprojekte für junge Musiker oder kicken für einen guten Zweck gegen Fanteams beim eigenen Fußballturnier. Seit 2000 sind Kloß & Co. unterwegs. Damals hieß man noch JAST, ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben aller Vornamen. Man coverte englische Pophits, traf aber kurz darauf die wohl wichtigste Karriereentscheidung: deutschsprachige Songs zu schreiben. Fortan räumte man sämtliche Talentwettbewerbe ab und leget 2004 mit "Verschwende deine Zeit" ein Debütwerk hin, das sich bis heute 700 000-mal verkaufte und eine riesige Fanbasis schuf.
Seither weht Gegenwind durch die Feuilletons. Silbermond seien Wellenreiter im Erfolgssog von Bands wie Juli oder Wir Sind Helden, also eine kalkulierte "Konsensmaschine" mit "Beamtenkinderlyrik". Antwort der Fans: Beste Liveband, Act des Jahres, Bestes Album, Single des Jahres - in ihrem Berliner Studio in Weißensee herrscht angesichts der Trophäensammlung bereits Platznot. Nach dem Sensationsdebüt dokumentierte "Laut gedacht" (2006) die Konsolidierung des Erfolges, war Ventil der Erfolgsbewältigung und Reflexion des Erlebten. Hohe Vorgaben und Erwartungen flankierten auch das aktuelle Album "Nichts passiert", dem die Band den internen Untertitel "Zurück nach vorn" verpasst hat.
"Es gab einerseits riesige Erwartungen von außen, andererseits unseren Anspruch, ständig besser werden zu wollen", sagt Thomas Stolle. "Aber dann dachten wir uns: Was soll der Stress? Wir sollten uns einfach mal locker machen!" Zum Beispiel beim gemeinsamen Kletterkurs oder dem Renovieren ihres Studios. "Wir mussten aus eingefahren Mustern ausbrechen, denn wir haben unglaublich viel erlebt, waren ständig unterwegs. Wir mussten lernen, wieder ein normales Leben führen. Wir wollten wieder Musik machen, als wäre das unser erstes Album." Oder eben: als wäre "Nichts passiert".
Eine vergleichbare Erdung täte auch so manchem Volksvertreter gut. Gäbe es ein Ministerium für Zuversicht - Silbermond sollten es besetzen. "Könnten wir unterschreiben", findet Stolle. Aber als geschulter Diplomat kann er das natürlich nicht so stehen lassen. "Wir sind natürlich nicht immer nur zuversichtlich, sondern auch mal traurig, mal nachdenklich, mal kritisch."
Die Fans haben halt immer die Wahl.
Allein fünf Songs haben Verneinungen im Titel: "Nichts passiert", "Ich bereue nichts", "Keine Angst", "Die Liebe lässt mich nicht", "Nichts mehr". Zeichen für den Abnabelungsprozess einer Band, die mit den Teenies groß wurde, doch längst zu groß ist für die Bravo-Generation. Die Bautzener schreiben Hymnen für Riesenhallen, lassen die Gitarren mal schrammeln und mal aufbranden, schwanken zwischen Epos und Wave, zwischen Elektroglätte und rauem Rock. Umrahmt von diesem mächtigen Sound deklinieren sie unter Führung von Sängerin Stefanie Kloß unglückliche Beziehungen durch - und verbinden das mit der Sehnsucht, sich zu Hause zu fühlen "in einer Welt, die nicht sicher scheint", wie es an einer Stelle heißt. "Wieg mich einfach nur in Sicherheit, nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit": Wenn Kloß das singt mit jener Anschmiegsamkeit, die im nächsten Moment in gebremste Aggession umschlagen kann, dann verstehen wir, warum diese Band so immens erfolgreich ist. Es liegt an den Reibungspunkten von Innen und Außen, Jugend und Erwachsensein, Zweifel und Optimismus - und die kennen nicht nur Teenies, fürwahr. (mw)
Hier gibt's die nächsten Termine der laufenden Tournee von Silbermond >>
www.silbermond.de
28.10.2009







