Ich Ich // Story
"Sieger interessieren mich nicht"
Interview: Steffen Rüth
kulturnews: Annette, Adel, was sind das für Menschen, die das Pflaster auf der Seele von anderen sind und die ihr in eurem Hit "Pflaster" besingt?
Annette Humpe: Als ich den Text schrieb, habe ich an mich selbst gedacht, als ich so 15 oder 16 war. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was aus mir wird oder wer zu mir passt. In dem Alter war ich einfach nur grenzenlos einsam. Ich glaube, bei den heutigen Jugendlichen ist es häufig genauso. Die sind von den Eltern genervt und umgekehrt. Oder die Familien schreien sich nur noch an. Da entsteht eine große Sehnsucht und Traurigkeit. Diese Jugendlichen brauchen ein Pflaster.
Adel Tawil: Bei mir kam diese Phase der Orientierungslosigkeit nicht in der Pubertät, sondern später. Kurz vorm Abi bin ich mit Volldampf ins Musikgeschäft reingefallen und hatte erstmal keine Zeit zum Grübeln. Die Boygroup The Boyz, in der ich Mitglied war, bestimmte meine Lebensplanung. Auf einmal war das nicht mehr da, ich hatte Existenzängste, mein Pflaster war dann teilweise auch der Alkohol. Dann lernte ich Jasmin kennen, meine Freundin. Sie ist mein Pflaster, und wir sind seit acht Jahren zusammen und wollen heiraten.
kulturnews: Eure Plattenfirma schreibt, ihr seid ein "odd couple" - also ein "seltsames Paar". Stimmt ihr zu?
Humpe: "Olles Paar" sagt man bei uns in Westfalen. Das ist wohl so, ja.
kulturnews: Euer Album "Vom selben Stern" hat sich eineinviertel Millionen mal verkauft. Irre, oder?
Humpe: Uns ist das peinlich, immer auf diese Erfolgsgeschichte angesprochen zu werden. Als hätten wir die Platte mit der Absicht gehäkelt, möglichst viele Menschen zu erreichen. Aber ich weiß wirklich nicht, wie wir sechs Mal Platin bekommen haben.
kulturnews: Kann man Erfolg planen?
Humpe: Nein, das kann man nicht. Wenn man immer wüsste, was gerade angesagt ist oder sich verkauft, dann wäre man zwar extrem reich, aber auch extrem gelangweilt. Menschen, die keine Fehler machen, interessieren mich sowieso nicht.
kulturnews: Was man in eurer neuen Single "Einer von Zweien" vom dritten Album deutlich hört. Du beschreibst und Adel besingt dort zwei Menschen: Dem einen gelingt alles, dem anderen nichts. Trotzdem wirkt der vermeintliche Versager viel sympathischer.
Humpe: Natürlich tut er das. Der Gewinner interessiert mich nicht. Leute, die mir mit diesem Siegerlächeln begegnen, die kann ich nicht ab. Die anderen sind die Spannenden - Menschen, die grübeln, zweifeln, in die Tiefe gehen und Päckchen mit sich herumtragen.
kulturnews: Was bist du? Siegerin oder Päckchenträgerin?
Humpe: Beides ein bisschen. Aber mehr die Frau mit dem Päckchen.
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01.03.2010







