LP: Lost on you

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LP: Lost on you

Das gebeutelte Griechenland ist ein ungewöhnlicher Ausgangsort für einen Song, um eine Art Weltreise zu starten und mehr und mehr Menschen in seinen Bann zu ziehen. Erst recht, wenn es sich dabei um den Song einer auf Long Island geborenen Wahl-New-Yorkerin handelt. Genauso ist es aber geschehen mit „Lost On You“, der Single des gleichnamigen Albums von Laura Pergolizzi, die sich LP nennt und auch gern so angesprochen werden möchte.

„Eines Tages schickte mir jemand aus Athen eine Nachricht über Instagram“, erinnert sich LP an ein zunächst wenig spektakulär scheinendes Ereignis in ihrem Leben. „Er schrieb, er hätte meine Musik im Netz entdeckt und sei sich sicher, sie würde in Griechenland gut funktionieren. Ich gab ihm meine Kontaktdaten und dachte monatelang nicht mehr an ihn. Doch im März diesen Jahres bekam ich dann plötzlich mit, dass ,Lost on you’ in Griechenland auf Platz eins stand.“ Und dort verharrte das zurückgelehnt beginnende, dann immer aufbrausender und vehementer werdende Gitarren-Poprock-Stück um eine vor dem Scheitern stehende Beziehung auch satte 22 Wochen lang. Es stellte sich nämlich heraus, dass es sich bei dem trendnasigen Griechen um Panagiotis Loulourgas, den fürs internationale Geschäft verantwortlichen Manager eines global aufgestellten Musikkonzerns handelte. Als andere nationale Niederlassungen des Plattenlabels vom Coup des Griechen hörten, schickten sie LP ebenfalls schnell ihre Verträge, inzwischen war „Lost on you“ auch Spitzenreiter in Polen, Frankreich, Italien und Belgien.

„Bei diesem Lied habe ich wohl die Mischung aus einem emotional heftigen Inhalt und einer wirklich poppigen, direkten Melodie besonders ansprechend hinbekommen“, sagt LP, die 35 Jahre alt ist, gern die Ukulele zur Hand nimmt und schon 2001 ein erstes, wenig beachtetes Album veröffentlicht hatte. Ihre kratzige, kräftige, zwischen verrucht und perfekt poliert pendelnde Stimme gab der Nummer noch zusätzlich Schub. „Es ist selten geworden, einen echten Popsong mit rockigen und nachdenklichen Elementen im Radio zu hören. Vielleicht ist ,Lost On You’ einfach genau der richtige Song zu genau der richtigen Zeit.“

Natürlich findet es LP bedauerlich, dass Rockmusik nicht mehr den Stellenwert habe wie Mitte der Neunziger, als Grunge und Riot Grrrls die Welt regierten. Sie selbst trat damals mit Led-Zeppelin-Songs in kleinem New Yorker Clubs auf, denn: „Led Zeppelin sind einfach die geilste Band aller Zeiten.“ Doch als es dann mit der eigenen Karriere nicht voranging, war LP pragmatisch genug, umzusatteln. Sie fing an, parallel zu den eigenen Stücken auch für andere zu schreiben, und das erfolgreich: Rihanna, Christina Aguilera, Backstreet Boys – sie alle nahmen in den letzten zehn Jahren Kompositionen von LP auf. „Du willst als Musikerin nicht dasitzen und kein Geld verdienen. Entscheidend ist es, die richtige Balance zwischen authentisch und immer noch kommerziell brauchbar zu finden.“

Eigentlich müsste LP also selbst am besten wissen, was einen Hit ausmacht – doch wirklich erklären kann sie sich den unerwarteten Erfolg von „Lost on you“ auch nicht. „Ich habe das genau so wenig kommen sehen wie meine Ex-Plattenfirma. Denen spielte ich das Lied vor, es ließ sie kalt, und einen Monat später feuerten sie mich. Ich kann ihnen keine Vorwürfe machen, so läuft das Geschäft einfach. Hits zu verpennen, ist ganz normal.“

Und so erkannte nur der Grieche Loulourgas das Potential von „Lost on you“, in dessen Text LP ihre Gefühle quasi mit dem Badewasser auskippt. Der Song handelt vom finalen Aufbäumen ihrer vorherigen Beziehung, von einer unausgesprochenen, aber innerlich bereits vollzogenen Trennung. „Meine Freundin und ich, wir probierten es noch ein ganzes Jahr, nachdem ich ‚Lost on you‘ geschrieben hatte“, erinnert sich LP. „Wir waren so bescheuert.“ Mittlerweile ist sie neu und glücklich liiert, was harmonischere Stücke wie „Tightrope“ oder „Into the Wild“ zur Folge hatte.
Dass die Bandbreite auf LPs „Lost on you“-Album so enorm ist, von drängendem Rock’n’Roll („No Witness“) bis zu dem ganz traurigen Ballädchen „You want it all“ reicht, hängt aber nicht nur mit dem persönlichen Seelenchaos, sondern auch mit intensiven Recherchen Lauras zusammen. „Ich habe Adele analysiert, mir alle ihre Songs genau angehört und auf meine Art ausgewertet. Von Adele kann man unheimlich viel lernen“, sagt sie und grinst. Die Reise von LP und ihren Songs ist wohl noch lange nicht zu Ende.

Text: Steffen Rüth

When you get older, plainer, saner
Will you remember all the danger
We came from?
Burning like embers, falling, tender
Longing for the days of no surrender

Years ago

And will you know

So smoke ‚em if you got ‚em
Cause it’s going down
All I ever wanted was you

I’ll never get to heaven
Cause I don’t know how

Let’s raise a glass
Or two
To all the things I’ve lost on you
Hooo—ooo
Tell me are they lost on you?
Oooo—oh
Just that you could cut me loose
Hooo—ooo
After everything I’ve lost on you
Is that lost on you?

(aus: „Lost on you“)

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