Lize Spit: Und es schmilzt

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Lize Spit: Und es schmilzt

Leicht ist es nicht, das Buchjahr 2017. Denn wer gedacht hat, sich mit Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“ bereits im Januar gestählt zu haben, dem beweist jetzt eine 29-jährige Debütantin aus Belgien, dass zwischen zwei Buchdeckeln sehr wohl noch sehr viel Schmerz passt, auf den man sich nicht vorbereiten kann. In „Und es schmilzt“ begleitet man ihre Heldin Eva, die sich einen Eisblock in den Kofferraum ihres Wagens packt, um nach neuen Jahren in das belgische Provinzkaff ihrer Kindheit zurückzukehren. Offizieller Grund für diese Konfrontation ist der Geburtstag eines ihrer Jugendfreunde, der an diesem Dezembertag 30 geworden wäre – doch es sind vor allem die noch Lebenden, mit denen Eva eine Rechnung offen hat. Worum genau es dabei geht, erfährt man erst nach und nach, denn immer wieder unterbricht Spit die winterliche Autofahrt ihrer Protagonistin, um vom Sommer 2002 zu erzählen.

Zunächst liest sich „Und es schmilzt“ wie eine dieser Jugendgeschichten in „Stand by me“-Manier – doch schnell wird klar, dass die Schrecken hier viel vordergründiger, drastischer sind. „Vater ist oben angelangt. Er balanciert mit beiden Füßen auf der obersten Stufe, steht jetzt genau unter der Schlinge. Das Seil schwingt zur Seite, kommt zurück und schlägt ihm kurz an den Hinterkopf. Fast verliert er das Gleichgewicht. Ich halte die Leiter fest. Ich kann nur dafür sorgen, dass er nicht fällt. Ich kann nicht dafür sorgen, dass er nicht springt.“ Eva muss nicht nur mit ihren Alkoholikereltern klarkommen, mit einem Vater, der seiner 14-jährigen Tochter den Haken zeigt, an dem er sich aufzuhängen plant und mit ihr den Suizid probt, sondern auch ihre jüngere Schwester beschützen, die immer mehr zu Zwangshandlungen neigt. Zunächst kompensiert Eva das familiäre Elend mit ihren gleichaltrigen Freunden Pim und Laurens, mit denen sie „Die drei Musketiere“ bildet. Nur werden mit der einsetzenden Pubertät die Jungsspiele ihrer beiden Gefährten immer drastischer …

Lize Spit ist nicht die erste, die die Vorhänge in der Provinz aufreißt, um das Grauen dahinter sichtbar zu machen. Vielleicht gerät ihr „Und es schmilzt“ so eindringlich wie kaum ein zweiter Roman zu diesem Thema, weil sie sich gar nicht erst die Mühe macht, Bovenmeer zur Idylle zu verklären. Der Leser muss sich selbst etwas suchen, was noch nach dem letzten unschuldigen Sommer der Jugend schmeckt. Es könnten die Monsterbälle sein, doch auch von dieser Süßigkeit darf man nicht zu viele essen – sonst dreht es einem den Magen um.

Carsten Schrader

Lise Spit Und es schmilzt

Fischer, 2017, 512 S., 22 Euro

Aus d. Niederl. v. Helga van Beuningen

Lize Spit: Und es schmilzt