Paul Auster: 4321

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Paul Auster: 4321

Wenn man mal ganz ehrlich ist, liegt Paul Austers letzte Großtat nun schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Noch immer zehrt der Meister des literarischen Katz-und-Maus-Spiels von „Leviathan“, „Mond über Manhattan“ und natürlich der „New York-Trilogie“ – doch seine letzten Veröffentlichungen waren kaum mehr als sehr selbstverliebte, wenig überraschende Wiederholungen der immergleichen Motive. Punktgenau zu seinem 70. Geburtstag wartet Auster nun mit einem gigantischen Buch auf, mit dem er sich auf gut 1250 Romanseiten als ziemlich traditioneller Erzähler neu erfindet.

4321“ als konventionellen Roman zu bezeichnen, ist natürlich eine relative Sache: Einerseits berichtet Auster sehr ausführlich und chronologisch vom Heranwachsen seines 1947 geborenen Helden Archie Ferguson, andererseits erzählt er diese Coming-of-Age-Geschichte nicht nur einmal, sondern in vier Variationen. Wenn er etwa alle 50 Seiten von einer Archie-Erzählung zur nächsten wechselt, wirft er die Handlung nicht radikal um, sondern verändert nur wenige Parameter – bestimmte Entscheidungen seines Helden oder einzelne Ereignisse wie etwa den Tod eines Familienmitglieds – die jedoch weitreichende Folgen haben. So stehen vier Bildungsromane nebeneinander, die in der weißen, jüdischen Mittelschicht der 50er und 60er Jahre angesiedelt sind und New York als Zentrum oder zumindest als Ausgangspunkt haben.

Natürlich ist es kein Zufall, dass der Held dieser Romanvariationen genau einen Monat nach Auster geboren wurde, und es überrascht auch nicht, dass Auster bei seinem vierfachen Triumph als Erzähler viele autobiographische Bezüge einbaut: Alle Archie-Entwürfe eint die Liebe zum Baseball wie auch eine liberale Gesinnung. Egal, ob wir Archie nun als Kritiker, als Journalisten oder als jungen Schriftsteller erleben, stets charakterisiert ihn Auster über detailreich beschriebene Lektüre- oder Filmerlebnisse, wenn er Archie nicht sogar zum Autor kafkaesker Erzählungen macht. Immer steht eine zentrale Mutterfigur neben dem unnahbaren Vater, und es gibt ein Mädchen namens Amy Schneiderman, auf die auch der bisexuelle Archie bei der Entdeckung der Sexualität nicht verzichten kann.

Doch wie feiert man „4321“ gebührend, ohne zu spoilern? So wie sich das Trump-Amerika in Austers tiefenscharfer Analyse der 60er mit Vietnamkrieg, Rassismus und Polizeigewalt spiegelt, setzt er Liebe, Freundschaft und bildungsbürgerliche Ideale dagegen. Doch so sehr man sich auch in die Entwicklung der Archie-Avatare und dem Romanpersonal verstrickt – man will natürlich vor allem wissen, wie sich der vierfache Bau erklärt, zumal nicht alle Archie-Variationen das Ende des Romans erleben. Wenn Auster die Auflösung preisgibt und „4321“ Anfang der 70er abbricht, werden wohl etliche Leser direkt zum Anfang zurückgehen, um den Roman ein zweites Mal zu lesen. Ist genau das damit gemeint, wenn von einem Weg die Rede ist, der eigentlich das Ziel ist?

Carsten Schrader

Paul Auster 4321

Rowohlt, 2017

1264 S., 29,95 Euro

Aus d. Engl. v. Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann u. Nikolaus Stingl

 

LESEREISE

13. 3. Berlin, 14. 3. Hamburg, 15. 3. Frankfurt, 16. 3. Tübingen, 17. 3. Köln

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