Pedro Almodóvar – Die große Edition

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Pedro Almodóvar – Die große Edition

„Julieta“, der jüngste Film von Pedro Almodóvar, bietet eine mehr als dankbare Gelegenheit, sich näher mit dem Werk des spanischen Meisterregisseurs zu beschäftigen – die Feststellung, „Julieta“ sei im Grunde eine Art Best-of-Zusammenstellung der Themen und Motive Almodóvars, ist zwar nicht falsch, man muss sie aber nicht als Vorwurf formulieren: Nach 38 Jahren und 20 Filmen darf sich ein Filmemacher ruhig mal an sich selbst abarbeiten, und trotzdem hat „Julieta“ als eigenständiger Beitrag im Œuvre des nach wie vor wichtigsten Regisseurs im spanischen Kino der Jetztzeit Bestand. Ein mit Suspense-Elementen unterfüttertes Schicksalsmelodram, in dem Almodóvar seinen Hang zu greller Ästhetik zwar ein paar Gänge zurückfährt, sich vereinzelte Farbakzente und inszenatorische Spitzen dafür umso stärker abheben: Allein die zwischen Hitchcock und deliriösem Tagtraum in Samtrot changierende Zugszene, in der ein neben dem Wagon herlaufendes Reh nahendes Unglück ankündigt, macht den komplex erzählten Film auch stilistisch erinnerungswürdig.

„Julieta“ ist Teil der 19 Filme und damit fast das Gesamtwerk Almodóvars umfassenden DVD-Kollektion (nur „Live Flesh – Mit Haut und Haar“ von 1997 fehlt), und es ist der Film, der Fans zu einem Wiedersehen einlädt und von dem aus sich Neueinsteiger auf Entdeckungsreise begeben können: Mosaikartig setzt sich Almodóvars Werk in seinem aktuellen Film zusammen. Die zerfetzten Fotos etwa tauchten schon in „Zerrissene Umarmungen“ (2009) auf; auch Schönheitschirurgie ist in „Julieta“ ein Thema: Wie im Georges-Franju-inspirierten Psychothriller „Die Haut, in der ich wohne“ von 2011. Die Frau, die im Koma liegt, führt schließlich zwangsläufig zum Übermelodram „Sprich mit ihr“ (2003), in dem sich ein Krankenpfleger in eine schlafende Patientin verliebt und sich an ihr sexuell vergeht, was Almodóvar anhand einer Sequenz aus einem fiktiven, sehr frei an Jack Arnolds „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ angelehnten Stummfilms illustriert; erfindungsreicher, zugleich sanfter wurde ein Tabubruch selten inszeniert. Und wenn man schon bei außergewöhnlichen Melodramen ist, dann muss auch „Alles über meine Mutter“ (1999, Oscar und Golden Globe für den Besten fremdsprachigen Film) erwähnt werden, den man in „Julieta“ in der Mutterfigur wiederfindet, deren Leben nach einem Unfall aus der Bahn geworfen wird.

Und da ist man noch nicht einmal bei Almodovárs Frühwerk angekommen: Wer chronologisch vorgehen will, für den bietet „Die große Edition“ eine Möglichkeit, Almodóvars Entwicklung vom Schöpfer exaltierter Komödien („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, „Womit hab’ ich das verdient?“) hin zum großen Kinomelodramatiker nachzuvollziehen, in dessen Filmen im Idealfall das klassische Gefühlskino eines Douglas Sirk auf hemmungslosen Camp treffen, die Gefühlsverwerfungen der meist weiblichen und/oder queeren Figuren, denen sich Almodóvar unnachahmlich zärtlich nähert, in kontrastreiche Primärfarben gefasst werden. Eine Konstante bilden – wie bei den meisten bedeutsamen Autorenfilmer_innen – auch diverse Schauspielerinnen und Schauspieler, die Almodóvar immer wieder besetzt: Die spanische Aktrice Carmen Maura etwa, oder die spätere Oscar-Preisträgerin Penélope Cruz – allen voran aber Antonio Banderas, den Almodóvar 1982 entdeckte. Nach „Labyrinth der Leidenschaften“ war er noch in zahlreichen weiteren Filmen von Pedro Almodóvar zu sehen, darunter „Fessle mich!“, der aufgrund seiner Verbindung von Romantik und Sadomasochismus 1990 eine kleine Kontroverse auslöste, oder zuletzt in seiner kurzzeitigen Rückkehr zur Groteske, „Fliegende Liebende“ (2013). Es gibt viel zu erleben im sinnlichen, schillernd bunten, vor ungefilterter Emotion übersprudelnden Regiekosmos von Pedro Almodóvar – eine bessere Gelegenheit als die beispiellos umfangreiche Box wird sich dazu so schnell nicht bieten. sb

„Pedro Almodóvar – Die große Edition“ ist im Handel erhältlich.

Pedro Almodóvar – Die große Edition