Personal Shopper

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Personal Shopper

Zögerlich betritt Maureen (Kristen Stewart) das alte Gemäuer in Paris, in dem ihr Zwillingsbruder Lewis bis zu seinem Tod lebte. Lewis starb an einem Herzfehler, an dem auch Maureen leidet – nicht die einzige Verbindung zwischen den Geschwistern, deren Beziehung in jedem Blick resoniert, den Maureen durch die leeren, dunklen Zimmer schweifen lässt, in denen vor kurzem noch Leben war. Maureen hat eine Mission: Wie schon ihr Bruder betrachtet sie sich selbst als Medium und ist hierhergekommen, um Kontakt zu Lewis aufzunehmen – einst haben sie sich geschworen, dass derjenige, der zuerst stirbt, dem anderen ein Zeichen geben wird.

Ein Geisterfilm also – davon gab es viele in den letzten Jahren, doch wenn Olivier Assayas Regie führt, ist klar, dass „Personal Shopper“ den Rahmen des Üblichen sprengt. Im Vorgänger „Die Wolken von Sils Maria“ (2014), in dem ebenfalls Kristen Stewart als persönliche Assistentin einer Prominenten in der Hauptrolle zu sehen war, unterhalten sich die Schauspielerin Maria (Juliette Binoche) und Valentine (Stewart) über einen Superheldenfilm. Maria ist überzeugt davon, der Film sei banal und daher Zeitverschwendung; Valentine hält dagegen: auch im vermeintlich Trivialen schlummerten Wahrheiten. Eine Debatte, die Assayas in „Personal Shopper“ nun weiterdenkt: Wo sich der Diskurs im Drama „Die Wolken von Sils Maria“ auf der Metaebene vollzog, lässt „Personal Shopper“ Genre- und Autorenkino – zwei meist in Abgrenzung voneinander gebrauchte Begriffe, die einander in Wahrheit nie ausgeschlossen haben – direkt miteinander kommunizieren, so wie auch die Welt der Lebenden und die der Geister, das Materielle und das Immaterielle miteinander in Kontakt treten.

Anders als im textlastigen „Die Wolken von Sils Maria“ bemüht Assayas hier nicht viele Dialoge – „Personal Shopper“ ist Film als Dialog. So eröffnet der Filmemacher einen kunsthistorischen Exkurs über Hilma af Klint, eine Vorreiterin der abstrakten Kunst, die behauptete, die Aufträge für ihre Gemälde von Geistern zu erhalten – lässt uns ihre Bilder aber durch den Filter eines Smartphone-Displays betrachten. Auch das Geistermotiv zieht sich in „Personal Shopper“ durch verschiedene Schichten der Wahrnehmung: Wirkt nicht auch Maureens Freund, den wir nur als verpixelte Erscheinung auf dem Laptopbildschirm sehen, seltsam irreal? Oder Kyra, für die Maureen als Einkäuferin arbeitet und von der wir nie genau erfahren, wofür sie eigentlich berühmt ist? Assayas nimmt sein Sujet ernst, erzählt davon mit irritierender Selbstverständlichkeit: Keiner der Menschen, denen Maureen von ihrem Vorhaben erzählt, scheint sich sonderlich darüber zu wundern.

Letztlich steht auch der Zuschauer im stetigen Dialog mit dem Film, der viele seiner Geheimnisse nicht preisgibt, von persönlicher Verlustverarbeitung über Spiritismus bis hin zu einer Reflexion über die hermetische Glamourwelt aber Themen im Überfluss anbietet. In einer furiosen Suspense-Szene unternimmt Maureen eine absurde Tagesreise von Paris nach London und zurück, um Kyra zwei Kleider zu besorgen, als sie plötzlich beunruhigende Textnachrichten von einer unbekannten Nummer erhält. 15 Minuten lang filmt Assayas den Chat ab, unterbrochen von Taschenkontrollen, Abteilsuche und dem nervösen Gang zum Kaffeeautomaten, jede Vibration des Handys wird dabei zum Alarmsignal. Zurück in Paris aber lässt sich Maureen von dem Fremden – der vielleicht ein Geist, nicht aber ihr Bruder ist – dazu animieren, verbotenerweise die gerade gekauften Kleider anzuprobieren; dazu singt Marlene Dietrich vom Wert des Glücks. Man weiß nie, wo „Personal Shopper“ einen als nächstes hinträgt, aber man will folgen: So frei, so offen, so neugierig ist Kino nur selten. sb

„Personal Shopper“ ist ab 23. 6. als DVD und Blu-ray im Handel erhältlich.

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