Peter Doherty: Hamburg Demonstrations

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Peter Doherty: Hamburg Demonstrations

Reeperbahnfestival 2016. Eine Schlange hat sich vor dem Club Bahnhof Pauli gebildet, in dem in etwa einer Stunde Peter Doherty auftreten soll – nicht allzu weit von hier entfernt, in den Clouds Hill Studios im Hamburger Stadtteil Billwerder, hat Doherty große Teile seines neuen Albums aufgenommen:„Hamburg Demonstrations“. Plötzlich kommt eine Mitarbeiterin des Festivals auf die Wartenden zu: Wer denn wegen Peter Doherty hier sei, will sie wissen – wohl eine rhetorische Frage. Doherty werde leider nicht kommen, fährt sie fort, er habe seinen Flug verpasst. Und fügt hinzu: „So lautet zumindest die offizielle Version.“ Manche gehen, einige bleiben sicherheitshalber noch in der Reihe stehen. Irgendwann haben es aber alle begriffen: Der Sänger wird an diesem Tag nicht mehr kommen. Dass der britische Indierocker ein Konzert verpasst, ist bei weitem keine Sensation mehr. Das spiegelt sich auch in den Reaktionen. Die meisten quittieren die Absage mit einem Schulterzucken, maximal ein leichtes Murren ist zu vernehmen – ganz so, als bestehe mittlerweile ein stilles Einvernehmen zwischen Doherty und seinen Fans.

Trotzdem steht die Frage im Raum: Was ist denn nun der wirkliche Grund für Dohertys Abwesenheit? Ein findiger Reporter hält der Überbringerin der Nachricht direkt ein Mikrofon ins Gesicht. Es ist relativ still geworden um den „Skandalsänger“, der noch vor ein paar Jahren aus den Boulevardmedien nicht wegzudenken war. Skandalsänger – das schreiben meist die, die mit Dohertys Skandalen weit besser vertraut sind als mit seiner Musik. Um beim Schreiben über Doherty nicht selbst nach Yellow Press zu klingen, muss man seine Eskapaden mit seinen Songs zusammendenken. Schließlich verarbeitet Doherty seine Heroinsucht und gescheiterten Beziehungen nicht nur in zahlreichen Texten, sie spiegeln sich auch in musikalischen Brüchen und Unebenheiten – die allerdings merklich abgenommen haben. Die reine Tatsache eines Libertines-Comebacks war letztlich sensationeller als das Resultat – eben weil das 2015 erschienene dritte Album „Anthems for doomed Youth“ wie eine geglättete Version der Band klang, die vor allem von der Reibung zwischen Doherty und seinem Bandpartner Carl Barât profitierte. Auch seine zweite Soloplatte klingt schlicht, zurückhaltend, ja, aufgeräumt.

Bereits 2005 veröffentlichte das Indiepop-Duo The Indelicates den Song „Waiting for Pete Doherty to die“, doch all die Prophezeiungen haben sich bisher nicht bewahrheitet. Stattdessen hat der Musiker seine Kollegin und Freundin Amy Winehouse überlebt, die 2011 einer Alkoholvergiftung erlag. Ihr widmet er den Song „Flags from the Old Regime“, in dem er den Leidensweg der Sängerin aus öffentlichem Druck, Depression und Drogenkonsum nachzeichnet, um den Bogen schließlich wieder zurück zu sich selbst zu spannen: „I don’t wanna die anymore“, zieht Doherty sein Fazit, „anymore than I did wanna die before.“
„Hamburg Demonstrations“ ist vor allem eins: Eine überraschend hoffnungsvolle Platte.

Text: Siegfried Bendix

Peter Doherty Hamburg Demonstrations

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