Phoenix: Ti amo

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Phoenix: Ti amo

Natürlich ist ihnen selbst auch bewusst, dass es ein bisschen bekloppt rüberkommt: Die Welt steht am Abgrund – und Phoenix veröffentlichen ein neues Album, mit dem sie sich in ein romantisiertes Italien fantasieren und von Liebe, Begehren und Unschuld singen. „Tuttifrutti“, „Flor di Latte“, „Via Veneto“, „Telefono“: Man muss sich nur die Titelnamen von „Ti amo“ durchlesen – schon trägt es einen gedanklich in irgendeine deutsche Kleinstadt-Eisdiele, wo man mit dem schlimmsten Italienklischees konfrontiert wird. Und es bringt auch nichts, in der Geschichte des französischen Quartetts zu wühlen, um Entschuldigungen oder zumindest Erklärungen zu finden. Klar, Phoenix-Sänger Thomas Mars hat Sophia Coppola im Palazzo Margherita geheiratet, einem Luxushotel in Süditalien, das seinem Schwiegervater Francis Ford Coppola gehört. Doch Gitarrist Christian Mazzalai schüttelt erst den Kopf und zuckt dann mit den Schultern. „Auch die Tatsache, dass mein Bruder und ich italienische Wurzeln haben und in den Sommerferien immer dorthin gefahren sind, würde als Erklärung viel zu kurz greifen“, sagt er. „Wir wissen selbst nicht so genau, warum wir auf diese Weise das Weltgeschehen verarbeiten, aber nachdem wir es gemerkt und uns gefragt haben, ob wir das bringen können, haben wir es uns selbst zugestanden. Es mag egoistisch sein, aber es ist eben unsere Therapie, um mit all dem fertig zu werden.“

Um zu verstehen, warum die Bandmitglieder zunächst selbst gar nicht bemerkt haben, dass sie mit der Vespa auf dem Weg in die Stranddisko sind, muss man etwas tiefer in die Erfolgsgeschichte und vor allem in die eigenwillige Arbeitsweise von Phoenix einsteigen. Noch immer haben sie an ihrem Durchbruchsalbum aus dem Jahr 2009 zu knapsen: „Wolfgang Amadeus Phoenix“ brachte ihnen nicht nur weltweit spektakuläre Verkaufszahlen und einen Grammy, es war auch ein Wendepunkt, an dem der Erfolg die Freude an der Musik zu überschatten begann. Nicht zuletzt deshalb ließen sie vier Jahre später mit „Bankrupt!“ ein sehr sperriges und experimentelles Verweigerungsalbum folgen – auf das sie jetzt wiederum mit „Ti amo“ reagieren. „Alles, was wir wollten, war, ein simple Platte zu machen“, fasst Bassist Deck D’Arcy die Ausgangslage für das sechste Studioalbum zusammen. „Während bei ,Bankrupt!’ in jedem Song mindestens zehn Ideen stecken, war jetzt nur eine Idee pro Song zugelassen.“ Sie haben ihr Ziel erreicht, denn „Ti amo“ dockt an die Leichtigkeit von „Wolfgang Amadeus Phoenix“ an und geht weit darüber hinaus: So diskoid und so tanzbar klangen sie nie zuvor, und selbst Sänger Thomas Mars jagt seine für die Band so charakteristische Stimme immer wieder durch die Effektgeräte.

Nur: Was am Ende so leicht klingt, war – wie für Phoenix typisch – ein langwieriger und zumindest im zweiten Teil der Aufnahmen auch harter Prozess. Zum allerersten Mal richtete die Band ihr Studio mitten in Paris ein: In der Nähe vom Centre Pompidou bezogen sie die oberste Etage eines alten Operngebäudes, das heute als Konzertvenue und Büroraum für Social-Media-Unternehmen genutzt wird – und hier jammten sie drei lange Jahre vor sich hin. „Das war der angenehme Teil der Arbeit, bei dem wir die Kontrolle an unser Unterbewusstsein abgegeben haben und jeder Idee nachgegangen sind, die uns in den Sinn kam“, erinnert sich Mazzalai mit einem Lächeln. „Doch in all der Zeit hatten wir mehrere hundert Stunden Musik aufgenommen, und irgendwann kam der Moment, in dem wir uns in strenge Ingenieure verwandeln mussten, um mit der größtmöglichen Disziplin zehn kompakte Popsongs aus dem Material zu schälen.“

Was ihre Realitätsflucht nach Italien auf dem ersten Blick nur noch absurder wirken lässt, erklärt sie am Ende: Während sie bislang nach Berlin, New York und sonstwohin gereist sind, um sich während des kreativen Prozesses vor der Außenwelt zu verbarrikadieren, haben sie sich für „Ti amo“ ins Leben gestürzt. „Zum allerersten Mal haben wir mit einem Zeitplan gearbeitet, der dann eben vorschrieb, dass wir uns morgens um neun im Studio treffen, und oft haben wir sogar mit den Büroangestellten in der Kantine zu Mittag gegessen“, erzählt Mazzalai. So ist die Welt ihnen oft auch näher gekommen, als ihnen lieb ist – und das nicht nur, weil Mazzalai in der Nacht des Anschlags auf das Bataclan im Studio festsaß. Vermutlich brauchten Phoenix das pappsüße Milcheis und die paradiesischen Strände, um all das zu ertragen. Zumal, wenn man genauer hinhört, eben doch ein paar Wolken am blauen Himmel aufziehen: Immer wieder tauchen Science-Fiction-Szenarien in den Amore-Fantasien auf, die eine unterschwellige Bedrohung verbreiten, und mit „Fleurs de Iys“ hat sich sogar ein dezidiert politischer Song eingeschmuggelt. „Das ist schon eine Abrechnung mit dem konservativen Geist unserer Heimatstadt Versailles und dem Rechtsruck in Frankreich ganz generell“, kommentiert Mazzalai, doch es ist ganz deutlich zu spüren, dass er an dieser Stelle eher ungern ausdeutet. Was auch D’Arcy bemerkt und seinem Kollegen mit einem ablenkenden Witz beispringt: „Bei all den Gesprächen über die Italien-Bezüge sollte man nicht vergessen, dass wir uns mit unser neuen Arbeitsweise ja auch dem vermeintlich deutschen Ideal der Pünktlichkeit angenähert haben – und das bedroht mein Selbstbild als verlotterten und freigeistigen Künstlers extrem“, lacht er. Doch was er dabei vielleicht gar nicht ahnt: Der ewige Kampf mit dem Pflichtgefühl wird wohl einer der Hauptgründe sein, warum man sich hierzulande mit genüsslichem Zungenschnalzer in das dolce vita von Phoenix stürzen wird.

Carsten Schrader


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