Sommerhäuser

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Sommerhäuser
Foto: Prokino

Man kann der jungen Sonja Maria Kröner schon nach ihrem Debütfilm eine Karriere als Thrillerregisseurin voraussagen. In ihrem ersten Langfilm passiert fast nichts, was als Action durchgehen würde: Ein Blitz fällt einen Baum, vom Mord an einem Kind wird gemunkelt – und doch steht die ganze Atmosphäre in Oma Sophies Sommergarten von Beginn an unter Spannung. Wer bekommt das Erbe, nun da Oma Sophie tot ist? Darüber kriegen sich die Geschwister Bernd und Gitti erwartungsgemäß rasch in die Wolle. Und während die Kinder derweil unbeaufsichtigt bleiben, zieht nach dem metaphorischen auch noch ein echtes Gewitter auf … Kröner inszeniert bewusst sparsam, aber mit großer Präzision – von der wunderbaren Ausstattung und den Kostümen, die das Jahr 1976 in all seiner stilistischen Krassheit zeigen, bis hin zu den ausgezeichneten Darstellern. rr

Die Spielzeiten von „Sommerhäuser“ finden Sie hier.

INTERVIEW MIT REGISSEURIN SONJA MARIA KRÖNER

Frau Kröner, in „Sommerhäuser“ sieht man einer Großfamilie dabei zu, wie sie im heißen Sommer 1976 einen Tag im Gemeinschaftsgarten verbringt. Wie kam die Entscheidung zustande, den Film ohne große Handlung zu erzählen?
Sonja Maria Kröner: Ich bin eine sehr intuitive Regisseurin und Drehbuchautorin und habe mir vorher nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie ich den Film erzählen soll. Ich fange immer einfach an zu schreiben. Wichtig war für mich, einen Ort meiner Kindheit wiederzubeleben, und eine Familie zeigen, die sich dort trifft. Die Art der Erzählung hat sich irgendwie ganz von selbst ergeben.

Hat diese Zeitreise zurück in die wohlbehütete Kindheit auch etwas mit den politisch und gesellschaftlich unsicheren Zeiten zu tun, in denen wir leben?
Kröner: Das kann tatsächlich sein. Ich glaube, dass man wieder Sehnsucht nach einer Sicherheit oder nach etwas, das man sozusagen begriffen hat. Wir leben ja in einer Zeit, in der sehr viel im Umbruch ist, nicht nur politisch, Das Krasse ist auch, wie die Digitalisierung die Art, wie wir kommunizieren, grundlegend verändert. Wir befinden uns in einem extrem großen gesellschaftlichen Wandel, der nur mit der Industrialisierung vergleichbar ist. Das verunsichert uns alle immens. Ich glaube, dass das durchaus zusammenhängt: Dass ich Sehnsucht hatte nach dieser Einfachheit der Kindheit, wo das alles selbstverständlich war, was es jetzt nicht mehr ist.

Ihre Sommerhäuser sind eine idyllische Enklave, in die die Figuren sich ohne Kontakt zur Außenwelt zurückziehen. Fehlen uns heute, wo wir durchs Smartphone ständig erreichbar sind, solche Rückzugsräume?
Kröner: Es würde uns auf jeden Fall guttun. Ich höre immer wieder von Leuten den Satz: Ich schalt jetzt mein Handy aus und bin nicht mehr erreichbar. Die Kommunikation übers Handy ist ja ganz anders als das direkte Gespräch. Ich selber mag es nicht so wahnsinnig gerne, nur via Whatsapp, SMS oder das Telefon zu kommunizieren. Ein persönliches Gespräch ist nicht ersetzbar. Der Ort im Film ist darin besonders, dass die Figuren da aufeinanderhocken, wodurch der Ort nicht nur idyllisch ist, sondern auch unangenehm. Das wollte ich auch so zeigen: dass etwas anders entsteht, wenn man wirklich zusammen ist und sich eben nicht zurückziehen kann.

„Sommerhäuser“ ist auch ein nostalgischer Film. Nostalgie birgt aber immer Eskapismus. Wie viel Nostalgie ist demnach gesund?

Kröner: Nostalgie hilft einem auf eine bestimmte Weise, denn man braucht dieses Erfülltsein von etwas Schönem, das früher einmal war. Nur darin zu schwelgen und im Alten verhaftet zu bleiben, das wäre aber nicht gesund und destruktiv.

Der Film ist eine hierzulande eher seltene Tragikomödie. Dafür muss man Sie loben, aber auch schelten: Das verkauft sich doch nicht so gut wie eine Komödie!
Kröner (lacht): Was ich nicht mag im deutschen Film, ist, das alles entweder als Komödie oder als Drama angepriesen wird. Die Mischform Tragikomödie ist in Deutschland scheinbar nicht existent. Wobei ich mich frage, ob das wirklich der Fall ist oder einfach nur eine Vermarktungsstrategie: Dass die Verantwortlichen das Gefühl haben, man muss die Filme als das eine oder das andere verkaufen, weil es beim Publikum besser ankommt. Ich liebe das Genre der Tragikomödie und bin auch ein bisschen beeinflusst von Tschechow. Seine Stücke sind unglaublich lustig, haben am Ende aber eine sehr große Traurigkeit. Im Theater funktioniert das hierzulande komischerweise, und in französischen und englischen Filmen gibt es das ja auch, und die laufen hier sehr erfolgreich. Ich habe also die Hoffnung, dass die deutschen Zuschauer das von einer deutschen Regisseurin diesmal auch akzeptieren.

Deutsche Filme sind oft schablonenhaft. Sie hingegen haben nicht mal eine klare Handlung, aber dennoch Filmförderung bekommen.
Kröner: Ich war natürlich nie in den Sitzungen der Gremien der Filmförderung dabei, sondern habe immer nur das Ergebnis erfahren Aber ich glaube, bei Debütfilmen hat man noch andere Freiheiten als später, wenn die Filme, die man macht, dann teurer sind und die Förderinstitutionen mehr Geld investieren müssen. Wenn wir für „Sommerhäuser“ sehr viel mehr Geld beantragt hätten, wäre die atmosphärische, subtile Erzählweise sicher ein großes Thema gewesen.

Apropos viel Geld: Die Filmförderungsanstalt will in Zukunft nur noch Filme finanziell unterstützen, die die Erwartungen der Zuschauer erfüllen, ein Mindestbudget von 2,5 Millionen Euro und ein Potenzial für 250 000 Besucher haben. Heißt das nun Bye bye, „Toni Erdmann“, Tschüss, „Vor der Morgenröte“, und auch Auf Wiedersehen, „Sommerhäuser“?
Kröner: Ja, bei der Filmförderungsanstalt bräuchten wir dann wohl keine Förderung mehr beantragen (lacht). Aber da gibt es ja auch noch die BKM, die Filmförderung des Bundes, die hoffentlich in Kulturfilme investiert. Man weiß ja aber auch nie, wie streng die Leitlinien dann ausgelegt und umgesetzt werden. Aber das ist natürlich bitter, auf jeden Fall.

Interview: Volker Sievert

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