Sonja Heiss: Rimini

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Sonja Heiss: Rimini

Sonja, hast du deinen Debütroman als Experiment betrachtet: Wie viele unbequeme Wahrheiten kann ich dem Leser reindrücken?

Sonja Heiss: Stimmt schon, es ist zum Teil ziemlich heftig. Aber bewusst mache ich das nicht, das Buch spiegelt eher meinen Blick auf die Welt, aufs Leben und insbesondere auf Familien. Meine Art zu schreiben ist wohl ein ganz genaues Hingucken – und da wird es eben auch schmerzhaft.

Mit „Rimini“ verhält es sich wie mit deinem letzten Film „Hedi Schneider steckt fest“, in dem es um Angststörungen und Depressionen geht. Wäre da nicht dein sehr eigener und spezieller Humor – es wäre unerträglich.

Heiss (lacht): Meinste? Na klar, der Humor ist schon sehr präsent, und er hilft natürlich. Aber ich achte ganz bewusst darauf, dass der Humor nie auf Kosten der Figuren geht. Es gibt nicht den allwissenden Erzähler, der sich lustig macht, sondern es sind die Momente, in denen sich die Protagonisten befinden, es ist ihr eigener Humor, und es ist die Komik, die in der Tragik des Lebens liegt. Ich versuche mit den Figuren umzugehen wie mit mir selbst: Sie machen wahnsinnig viele Fehler, trotzdem beschreibe ich sie so, dass man ihnen auch verzeihen kann.

Zunächst gähnt man ja auch, wenn man erfährt, dass „Rimini“ ein weiterer Familienroman ist …

Heiss: Ich liebe Familienromane à la Jonathan Franzen, und weil ich die so gerne lese, wollte ich selbst einen schreiben. Ich habe natürlich einen ganz anderen Familienroman geschrieben als zum Beispiel Franzen, der nebenbei noch die Welt erklärt. Ich bleibe komplett in der Psychologie einer Familie. Und es ist ja nicht nur das Thema Familie, es geht auch ganz viel um Liebe, Beziehungen und falsche Ideen vom Leben. Ich wollte auf jeden Fall auf eine Art schreiben, Dinge beschreiben, die man normalerweise nicht in Familienromanen liest.

Auch wenn der Roman deinen Blick aufs Leben spiegelt, hatte die komprimierte Arbeit an dem Buch nicht trotzdem etwas Desillusionierendes?

Heiss: Manchmal schon. Wenn ich mir darin Fragen über die Liebe stelle und mich damit beschäftige, wie lange Beziehungen halten können – dann merke ich im Nachhinein schon, dass das etwas mit mir gemacht hat. Mir wird klar, dass ich mit fortschreitendem Alter einen gewissen Sinn für Romantik verloren habe. Aber das ist nicht schlimm, man kann es positiv betrachten und sagen: Es gibt im Leben eben Abschnitte. Dieses „für immer“ ist meiner Meinung nach ja auch immer ein Arrangement. Das kann funktionieren, wenn man ein Mensch ist, der sich gern auf Kompromisse einlässt. Aber ich bin das nicht – und deswegen sieht das Buch auch so aus, wie es aussieht.

In „Rimini“ gibt es auffallend viele Sexszenen, die ja als besonders schwierig gelten und vor denen sich viele Autoren drücken.

Heiss: Stimmt, ich habe bislang wenige Sexszenen gelesen – und ich lese sehr viel. Meist wird das Thema in drei Sätzen abgehakt, oder aber es sind Bücher wie beispielsweise „Das sexuelle Leben der Catherine M.“, in denen es quasi nur darum geht. Das ist dann ja auch so eine Art Wortporno. Am Anfang hatte ich tatsächlich etwas Respekt vor den Sexszenen, aus dem Gedanken heraus, dass das, was ich da so genau beschreibe, auch andere Menschen lesen werden, und dem Leser wiederum muss ja klar sein, dass die Autorin diese Dinge nicht so beschreiben kann, wenn sie in ihrem Leben nicht bestimmte Erfahrungen gesammelt hat. Aber je mehr ich geschrieben habe, desto mehr hat sich der Respekt verloren. Interessant wird es dann, wenn du mit deiner Lektorin über die Szenen sprichst, da gibt es dann schon sehr komische Momente: Ich glaube, wir müssten hier mal Schwanz durch Penis ersetzen, da steht jetzt dreimal hintereinander Schwanz.

Ein hohes Identifikationspotential haben nicht zuletzt die Szenen, in denen du schlechten Sex beschreibst.

Heiss: Die meisten von uns haben schon Sachen erlebt, die nicht funktioniert haben – warum sollen in einem Roman dann nur romantische Sexszenen vorkommen? Nicht zusammenpassende Vorlieben sind keine Seltenheit, deswegen meine Anti-50-Shades-Of-Grey-Szene: ein bisschen SM, der aber eben nicht geil ist. Auch die ganz banalen, menschlichen Momente finde ich wichtig, etwa wenn sich jemand ein Schamhaar aus dem Mund holt. So etwas liest man nie, aber es ist jedem schon mal passiert.

Interview: Carsten Schrader

Sonja Heiss Rimini

Kiepenheuer & Witsch, 2017, 400 S., 20 Euro

Eigentlich will Hans an seinen Wutausbrüchen arbeiten, um seine Ehe zu retten – doch dann verliebt er sich in seine Psychoanalytikerin. Seine Schwester Masha will mit 39 ½ schnell noch ein Kind – nur soll der langjährige Freund dann lieber doch nicht der Vater sein. Und auch die Eltern müssen im Rentenalter ihre Beziehung neu sortieren, inklusive Wellensittich und gelegentlichen Alleingängen.

Sonja Heiss: Rimini