Sven Amtsberg: Superbuhei

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Sven Amtsberg: Superbuhei

Herr Amtsberg, ich kenne Menschen, die ganz in der Nähe in Celle aufgewachsen sind …

Sven Amtsberg: (lacht)

Deren Urteil über Ihre Heimatstadt Langenhagen, in der „Superbuhei“ spielt, ist vernichtend. Was ist so schlimm an Langenhagen?

Amtsberg: Ach, Langenhagen ist nicht schlimm. Es ist halt eine gesichtslose Kleinstadt. Ich bin da sehr gerne groß geworden. Es ist dort aber sehr trist und über die Jahre immer trister geworden. Im Zuge der Expo war man seinerzeit überzeugt, ganz viele Einkaufszentren zu brauchen. Jetzt stehen die ersten schon wieder leer.

Sie selbst haben Langenhagen auch nicht gerade ein Denkmal gesetzt. Hatten Sie nicht doch noch ne Rechnung offen?

Amtsberg: Nee, überhaupt nicht! Es soll auch keine Abrechnung sein, ich kenne viele, die noch da wohnen.

Der Roman handelt von Jesse Bronske, und dieser Jesse möchte sich so gerne als unverwechselbares Individuum spüren. Wenigstens ein Buch will er mal geschrieben haben, wo doch selbst der Hund von Harald Glööckler eins veröffentlicht hat. Sie quälen ihn regelrecht mit diesem schon krankhaften Wunsch nach Einmaligkeit. Warum?

Amtsberg: Ich fand das gar nicht quälend. Jeder strebt doch danach, irgendwie einzigartig zu sein. Am Anfang war es der Zwillingsbruder von Jesse, der die Wünsche Jesses zunichte macht. Man kennt ja viele Biografien, wo die Menschen einfach nicht aus dem Quark kommen. Ich habe sehr lange in diversen Bars gearbeitet und viele solcher Leute auch kennengelernt, die immer wollten und immer erzählten: „Hätte ich mal“ oder „könnte ich nur“. Diese Menschen kriegen es einfach nicht umgesetzt, ihre Träume zu verwirklichen und Rockstar zu werden oder Bücher zu schreiben.

Warum haben Sie gerade dieses Thema gewählt?

Ich fand das sehr spannend, weil es der Biografie, die ich habe, auch sehr nahe kommt und ich relativ viel aus eigener Erfahrung einarbeiten konnte. Dieses Streben nach Erfolg in der Kunst war für mich schon immer ein spannendes Thema.

Es regnet in Ihrem Buch unendlich viel, viel mehr als im Film „Blade Runner“, in dem Androiden Mensch sein wollen. In „Superbuhei“ will Jesse Mensch sein, er leidet darunter, dass er meint, es nicht zu sein, was durchaus ein Alltagsphänomen ist. Stellen wir alle zu hohe Ansprüche an uns selbst?

Amtsberg: Ich glaube in der Tat, dass diese Ansprüche über die Jahre gestiegen sind. Heute muss man sich ständig verwirklichen mit allem möglichen und kann ja fast nur daran scheitern, während die Generation unserer Großeltern froh war, wenn sie gerade so durchgekommen ist und wenn es was zu essen gab. Gerade die Medien setzen einen da enorm unter Druck und verursachen das Gefühl von Minderwertigkeit. Dieser Druck, das eigene Leben zu überhöhen, ist aber ein starker Grund für Melancholie und Depression und das Gefühl, zu scheitern.

Sie haben den Roman rigoros aus der subjektiven Sicht des Helden geschrieben. Der hat Gedächtnisaussetzer, fühlt sich von seinem Zwillingsbruder verfolgt, von dem man bis zum Schluss nicht weiß, ob er nur eine Metapher ist für die Angst, nicht Individuum zu sein. Außerdem säuft Jesse und tut viele irrationale Dinge. Der Leser ist systematisch unterversorgt an echten Fakten und irrt mit dem Helden durch die Handlung. Wollten Sie primär einen Thriller schreiben oder doch eher ein Psychogramm?

Amtsberg: Am Ende zieht es ja richtig an und wird ein reiner Thriller, aber ich wollte bewusst eine Mischung aus beidem schreiben. Und ich fand es wunderbar, mit einem Erzähler zu spielen, dem der Leser irgendwann nicht mehr traut. So kommt man als Leser des Buchs ähnlich ins Schwimmen wie der Held selbst, den man immer häufiger beim Lügen ertappt, und wird umso misstrauischer, je länger man liest.

Interview: Jürgen Wittner

 

Jesse Bronske und sein Zwillingsbruder Aaron wurden an dem Tag geboren, als Elvis Presley tot vom Klo fiel. Da der Vater der beiden großer Elvis-Fan war, nannte er seine Kinder nach Elvis Aaron und dessen totgeborenem Zwilling Jesse Garon. Da Jesse sich von Aaron verfolgt fühlt, flieht er irgendwann von Hamburg nach Langenhagen und taucht dort unter. Doch bald sieht er gegenüber im Maisfeld Aaron stehen …

 

Sven Amtsberg Superbuhei

Frankfurter Verlagsanstalt, 2017, 316 S., 24 Euro

Sven Amtsberg: Superbuhei