Timber Timbre: Sincerely, Future Pollution

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Timber Timbre: Sincerely, Future Pollution

Taylor Kirk gilt als schwieriger Gesprächspartner. Doch wenn der Kopf der kanadischen Band Timber Timbre am Ende eines langen Interviewtags völlig zerschossen im Büro seiner Berliner Plattenfirma sitzt, kann man ihn sich kaum vorstellen, wie er auf falsche Fragen lauert und widerborstige Antworten gibt. Wobei es die falschen Fragen natürlich auch beim neuen Album „Sincerely, Future Pollution“ gibt, viel mehr sogar als bei jeder Platte zuvor – nur nimmt sie Kirk von vornherein auf die eigene Kappe. „Es war wohl ein großer Fehler, das Album als Reaktion auf den gegenwärtigen Zustand der Welt zu bezeichnen, denn kaum war die Ankündigung im Netz, riefen ständig Journalisten an, die über aktuelle politische Entwicklungen sprechen wollten – und dabei von mir Lösungsansätze erwartet haben“, klagt er. So wenig die direkten Bezüge zu leugnen sind, fühlt er sich doch missverstanden, wenn die sechste Veröffentlichung des Trios aus Montreal als politisches Konzeptalbum interpretiert wird. Aus Kirk spricht dabei die Angst, die überkommenen Haltung der 60er und 70er zu beerben – doch haben Songs wie „Grifting“, „Western Questions“ und insbesondere „Sewer Blues“ das Potenzial, eine zeitgemäße Form des Protestsongs zu etablieren, die mit parolenhafter Vereinfachung und erhobenem Zeigefinger nichts zu tun hat. „Better sing a money tune, light a cigarette, raise a roof above this ruin as this song repents“, singt er in „Sewer Blues“ und beschreibt mit seiner dystopischen Vision der überlaufenden Gullys eine Welt, die von ihrem eigenen Dreck weggeschwemmt wird. „Als Künstler erscheint es mir derzeit unverantwortlich, neutral zu bleiben und gewisse Dinge nicht zu thematisieren, aber es sind auch sehr persönliche Songs auf dem Album“, wendet er ein. Doch wie will er beim Hörer das Ohr fürs große Ganze beklagen, wenn er selbst der poetischen Kraft seiner Apokalypse erliegt und sich die Bildsprache von „Sewer Blues“ auch über einen Trennungssong wie „Velvet Gloves and Spit“ legt? „Stimmt schon, vermutlich ist es das größte Warnsignal.“ lenkt Kirk ein. „Während ich damit hadere, als politischer Aktivist wahrgenommen zu werden, will ich vielleicht nur nicht anerkennen, dass bereits jeder Bereich von dieser Endzeitstimmung zersetzt ist.“

Doch Kirks Texte wären längst nicht so wirkungsmächtig, hätten sich Timber Timbre mit „Sincerely, Future Pollution“ nicht ein weiteres Mal musikalisch neu erfunden. Was mit sparsam arrangierten und wunderbar schiefen Folksongs begann, verführte die Kritiker später bei der Hinzunahme von Instrumenten wie Lapsteel, Bassklarinette, Streichern und Saxofon zu so bescheuerten Genrebezeichnungen wie „Glam Folk“ und „Gothic Americana“, bis schließlich beim großen Durchbruchsalbum „Hot Dreams“ vor drei Jahren bestenfalls noch die Soundtrack-Veröffentlichungen zu David-Lynch-Filmen als Referenz passend erschienen. „Ich wusste nicht, wo ich ansetzen sollte, da ich mit dem letzten Album eigentlich alles erreicht hatte, was ich mit Timber Timbre von Anfang an machen wollte“, beschreibt Kirk seine Schwierigkeiten, an die Erfolgsplatte anzuknüpfen. „Also habe ich mich Instrumenten zugewendet, die ich nie sonderlich interessant fand und die für meine eigene Musik bislang indiskutabel waren.“ Kirk hat nicht nur Synthesizer gekauft, er hat sich auch eine Drummachine bestellt, ohne zu wissen, wie man die überhaupt bedient, und seine Bandkollegen dürften schwer gestaunt haben, als er ihnen plötzlich Musik von Tears For Fears, Talk Talk und New Order als Referenzmaterial geschickt hat. Zwar wurde die ursprüngliche Idee, auch mal in einem tanzbaren Tempo zu arbeiten, relativ schnell wieder verworfen, trotzdem kommt man bei einem für die Band revolutionären Sound an, der sich auf wundersame Weise dann aber eben doch in den Timber-Timbre-Kosmos einfügt: melancholische Maschinenmusik, scharfkantiger synthetischer Funk, schwülstiger Softpop, und bei „Bleu Nuit“ verfremdet er sogar seinen charakteristischen Gesang. Wobei Kirk schon sehr genau zu schätzen weiß, musikalische Mitstreiter gefunden zu haben, die sich auf jede Experimentierlaune einlassen. „Sie sind so großartige Musiker, dass sie auch vermeintlich abseitige Ideen auffangen können“, schwärmt er und lacht, „selbst wenn ich in der direkten Kommunikation oft versage.“

In der Erschöpfung nach dem Interviewmarathon kann er sogar seinen Ruf als schwieriger Gesprächspartner mit Humor nehmen. „Womöglich entspreche ich dem Künstlerklischee mehr als mir lieb ist“, sagt er und zuckt die Schultern. Doch es braucht wohl genau dieses Klischee, um sich der momentanen Endzeitstimmung nicht tonlos zu ergeben.

Carsten Schrader

 

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