Alles im Lack [Musiktipp]

Nothing But Thieves thematisieren ganz offen ihre seelischen Defekte. Und die britische Rockband weiß auch, wohin man reisen muss, um sich wieder zusammenflicken zu lassen.

„Wenn den Japanern etwas zerbricht, dann werfen sie es nicht weg, sondern kleben es mit Leim und goldenem Lack wieder zusammen“, weiß Dominic Craik, der Gitarrist und Keyboarder von Nothing But Thieves. Kintsugi ist der Name dieser jahrhundertealten Reparaturtechnik für Porzellan und Keramik, mit der ein Makel eben nicht kaschiert, sondern noch hervorgehoben wird. Auch das Albumcover von „Broken Machine“ ziert Kintsugi-Kunst: Zu sehen ist der nackte Oberkörper einer jungen Frau, die goldenen Bruchlinien ziehen sich von der Stirn bis zum Dekolleté. „Es hat einfach sehr gut gepasst“, kommentiert Craik, der mit 23 der jüngste der Truppe ist. „Die Themen auf dem Album haben uns zu dieser Kunst­form geführt. Das Beschädigte und Angeknackste wird instandgesetzt und ist danach noch schöner als zuvor. Diese Ideen haben wir auf den Menschen übertragen: Wenn jemand Schwierigkeiten hat, muss er nicht für den Rest seines Lebens davon beeinträchtigt sein. Man kann auch Menschen wieder hinbekommen und sie zum Glück zurückführen. Diese positive Botschaft zieht sich im Grunde durch die gesamte Platte.“

So ganz ohne Anlass ist das natürlich nicht passiert. Die Lieder auf „Broken Machine“, überwiegend zu dritt von Gitarrist Joe Langridge-Brown, Sänger Conor Mason und Dom Craik geschrieben und getextet, hinter­fragen eine Menge von Dingen, mit denen sich die Mittzwanziger in letzter Zeit konfrontiert sahen – und die nicht immer ohne Auswirkungen auf die Unversehrtheit blieben. „Neben Politik und Religion haben wir uns sehr viele Gedanken über uns selbst gemacht, speziell über unseren mentalen Zustand“, erzählt Craik. „Seelische Erkrankungen sind ein Thema, das uns allen nah und vertraut ist, entweder weil wir selbst solche Probleme durchmachen mussten, oder weil es Freunde und Familie betrifft. Wir mussten einfach über unser Innenleben sprechen.“ Songs wie „I’m not made by Design“, „Get better“ oder der Titelsong sind Resultat dieser eingehenden Selbstbetrachtung, mit der die fünf Freunde (Craik und Bassist Philip Blake sind zudem Cousins) aus Southend-on-Sea in Essex befasst sind, seit sie sich in Großbritannien als Rockgrößen etablieren konnten.

Ab dem im Herbst 2015 veröffentlichten Debütalbum „Nothing but Thieves“ ist das Leben der Musiker mitunter atemberaubend verlaufen. Eben noch neu und unbekannt, fand man sich plötzlich in den Top Ten, im Radio, in diversen US-Late-Night-Shows und beim Festival in Glastonbury wieder. „Vor fünf Jahren hatten wir von nichts eine Ahnung, und jetzt kommen Tausende von Leuten, um uns spielen zu sehen. Viele von ihnen singen sogar von Anfang bis Ende jedes Wort mit.“ Die Rockband, die sich auf aufbrausende Refrains, Gitarrenwände und ein gewisses Maß an Pathos spezialisiert hat, gewöhnte sich als Vorband der stilistisch nicht unähnlichen Muse an die ganz großen Bühnen, auch vor Radiohead und Linkin Park, zwei ihrer Lieblingsbands, traten sie schon auf Festivals auf. Gemeinsam mit dem Foals-Produzenten Mike Crossey haben sie jetzt in den neuen Songs noch intensiver die Melodien herausgearbeitet und versucht, nicht immer so dramatisch zu klingen. Letzteres allerdings mit mäßigem Erfolg: Die an sich knackige Single „Amsterdam“ wird etwa mittendrin plötzlich zu einer Art Minioper. „Amsterdam ist die Stadt, in der ich mich am wohlsten fühle“, übergeht Craik den Pathos­vorwurf. „Die Leute sind freundlich und liberal, ich versuche, mindestens einmal im Monat dort zu sein.“

Ebenso gern verweilen Nothing But Thieves in Asien: In Süd­korea spielten sie vor 20 000 Leuten, und dem bisher besten Publikum sind sie natürlich in Japan begegnet. „So etwas haben wir noch nie erlebt: Die Japaner sind unheimlich höfliche Zeitgenossen, sie hören zu, gucken und machen keinen Mucks“, schwärmt Craik. „Wir haben in Tokio auf einem Festival vor 65 000 Menschen gespielt, und alle waren sie still. Aber sobald der Song vorbei ist, schreien und jubeln sie.“ Wenn die Japaner erst mal das kunstvolle neue Albumcover sehen, wird die Euphorie beim nächsten Mal noch um einiges größer sein.

Broken Machine erscheint am 8. September.

LIVE
Reeperbahnfestival: 20.–23. 9.

(Text: Steffen Rüth)