Tulpenfieber

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Tulpenfieber
Foto: Prokino

Kurz vor dem Ende stutzt man: Gibt es etwa kein Happy End? Dabei geht es doch um Sophia, die Frau des Amsterdamer Kaufmannes Cornelius, die sich in den jungen Maler Jan verliebt. Jan verewigt in einem Gemälde den wohlhabenden Händler und seine Gattin, die einfach nicht schwanger werden will. Dann erst begreift man: Das ist gar keine Liebesgeschichte, sondern eine Liebeskomödie, ein Lustspiel in loser Fortführung von „Shakespeare in Love“. Plötzlich haben im Rückblick auch die vielen scheinbar überschüssigen Figuren einen Sinn, erklärt sich, warum manche Wendung den Stil einer Boulevardburleske hat, wird klar, warum Jan (wie ein junger DiCaprio: Dan DeHaan) fast nur eine Nebenrolle spielt, Sophias Magd aber einen so großen Anteil hat an einer Schwangerschafts-Charade: Alle Figuren hier sind Marionetten an den Fäden von Theaterschreiber und „Shakespeare in Love“-Autor Tom Stoppard und Regisseur Justin Chadwick.

Im sinnlich verdreckten Amsterdam des Jahres 1637 rangeln sie um Liebe, Lebensglück und wertvolle Tulpenknospen, die während der sogenannten Tulpenmanie zum begehrten Spekulationsobjekt wurden. Die Grachtenmetropole des Goldenen Zeitalters steigt vor allem in den Innenräumen wie aus einem Kunstband aus: In den holzgetäfelten, grottenartigen Palästen der Bürgerlichkeit scheinen manche Szenen sich im flüssigen Übergang aus den und in die Gemälde von Rembrandt, Frans Hals oder Vermeer zu befinden. Die Tulpenbörse befeuert und vernichtet die Zukunftspläne der Protagonisten; der Film inszeniert sie als bauchig-höllische Schänke, irgendwo zwischen einer durch Freibier aus dem Ruder gelaufenen Versteigerung bei Christie’s und einer Wertpapierbörse in Goldgräberstimmung. Der Kapitalismus hat dabei wie meist kein Sinn für die Romantik, Liebe war auch damals schon kein merkantiles erringbares Gut.

Alicia Vikander spielt ihre Sophia als 50 Prozent weichgezeichnetes Werbespot-Model und 50 Prozent „Mädchen mit dem Perlenohrring“, mit offenem Blick lasziv und unschuldig die Welt und oft auch den Zuschauer anschauend. Christoph Waltz muss als grauhaariger Patriarch mit Stammhalterwunsch und weichem Herzen nicht viel tun. Brachialkomiker Zach Galifianakis („Hangover“) ist zu sehen als brachialer Narr, Dame Judi Dench als Bond-Vorgesetzte M, wäre diese nicht Chefin des britischen Geheimdienstes geworden, sondern Äbtissin eines Klosters. Der Star sind aber die Kapriolen, die die Handlung schlägt wie ein übermütiger Jahrmarktsakrobat. Am Ende ist es letztlich verlorene Liebesmüh für Sophia, Jan und Cornelius, denn die Tulpe ist nicht nur ein Symbol für die Liebe, sondern auch für Vergänglichkeit. Der Film selber macht dabei öfer mal viel Lärm um nichts – das tut er jedoch auf wunderbar kurzweilige Weise. vs

Tulpenfieber
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