Volker Kutscher: Lunapark

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Volker Kutscher: Lunapark

Volker Kutscher hat mal in einem Interview gesagt, lange könne er seinen Helden Gereon Rath in der Nazidiktatur als Ermittler der Berliner Mordkommission nicht glaubwürdig weiterarbeiten lassen. Jetzt sind wir bei Band sechs der historischen Krimireihe angelangt und haben das Jahr 1934 erreicht. Adolf Hitler festigt systematisch seine Macht, indem er alle noch verbliebenen politischen Gegner aus dem Amt jagt, die meisten stecken längst in Konzentrationslagern. Da findet man einen bestialisch ermordeten Mann, ein SA-Mitglied in Uniform, regelrecht zu Matsch geschlagen. An einer Backsteinmauer steht in weißer Schrift geschrieben: „Arbeiter wehrt euch! Tod den Hitlerfaschi …“ Vielleicht eine halbe Stunde ermittelt Gereon Rath alleine, dann kommt die Politische Polizei in Gestalt seines früheren Saufkumpans Reinhold Gräf und reißt den Fall an sich. Gräf hat schon bald einen Täterverdacht sowie ein Motiv: Moskau hat einen Trupp Kommunisten aus dem Exil zurück in den Berliner Untergrund geschickt, um das Nazi-Regime zu destabilisieren. Weitere erschlagene SA-Mitglieder bestärken Gräf in seiner Theorie, während Gereon Rath sich die Stammkneipe des SA-Sturms 101 mal genauer ansieht. Bald weiß er, dass der gesamte Sturmtrupp aus Mitgliedern eines aufgelösten Ringvereins des organisierten Verbrechens besteht. Volker Kutscher schickt seinen Helden diesmal nicht nur politisch in Situationen, die er kaum mehr meistern kann: Gereon Rath steht schon seit Beginn der historischen Krimireihe mit einem Bein im Korruptionssumpf. Das Auto: bezahlt von Geldern des Unterweltbosses Johann Marlow. Die neue Wohnung? Fragen Sie nicht! Während der Roman zeitlich auf den so genannten Röhm-Putsch zusteuert, den Tag, an dem die SA entmachtet wird, pflegt Rath im Gegensatz zu seiner Gattin Charlotte Ritter weiter seine unpolitische Haltung, agiert im Dienst eigenmächtig und ohne Rücksprache mit seinen Kollegen und Vorgesetzten, vor allem aber wieder im Auftrag von Marlow, bis die Handlung so richtig desaströs endet. „Lunapark“ ist der mit Abstand schwärzeste dieser schwarzen Krimireihe. Und nein: Raths Karriere ist noch nicht zu Ende. Aber das Ende bahnt sich an. jw

Volker Kutscher Lunapark
Kiepenheuer & Witsch, 2016, 608 S., 22,99 Euro

Volker Kutscher: Lunapark