Buch der Woche Hollinghurst

LITERATUR | Roman

Alan Hollinghurst: Die Sparsholt-Affäre

Er gilt als der Meister expliziter Sexszenen, doch mit seinem neuen, fast ein Jahrhundert umfassenden Roman beweist der 2004 für „Die Schönheitslinie“ mit dem Man Booker Prize ausgezeichnete Alan Hollinghurst, dass er schwulen Sex in allen Nuancierungen darzustellen vermag. „Die Sparsholt-Affäre“ setzt im Jahr 1940 ein, als der junge, athletische David Sparsholt nach Oxford kommt und vielen seiner Kommilitonen den Kopf verdreht. Obwohl David bereits verlobt ist, lässt er sich auf eine kurze Affäre mit dem Literatensohn Evert Dax ein. Mit antiquierter, von blumig-verklemmten Umschreibungen geprägter Sprache berichtet Hollinghurst von diesen Treffen, die wegen des Krieges von Stromausfällen sowie den Verdunkelungsauflagen geprägt sind und bestenfalls im schwachen Schein einer Taschenlampe stattfinden. Ganz anders dann der Ton im fünften und letzten Teil des Romans, der im gegenwärtigen London spielt und Davids 60-jährigen Sohn Johnny, einen offen schwul lebenden Maler, in einen Club begleitet: „Ein köstliches Gefühl, mitten im Getümmel der Tanzfläche den seidenweichen Flaum in der warmen Arschspalte zu berühren, und obwohl Z in der einen vorderen Hosentasche ein Handy, in der anderen eine Wasserflasche stecken hatte, spürte Johnny selbstverständlich, wie sich die steile Schwellung im Schritt an ihm rieb, gegen ihn stieß (…).“ Hollinghurst fängt so nicht nur die gesellschaftlichen Veränderungen ein, sondern zeichnet mit viel Zärtlichkeit auch ein tiefenscharfes Psychogramm seines vornehmlich aus Künstlern und Literaten bestehenden Figurenensembles. Dass sich „Die Sparsholt-Affäre“ dabei auch spannend wie ein Thriller liest, gelingt Hollinghurst wiederum mit einer Verdunkelung: Erst nach und nach und auch nur in Andeutungen erfährt der Leser, in welchen Skandal der Kriegsheld und erfolgreiche Industrielle David Sparsholt Ende der 60er verwickelt wird. cs

 

Alan Hollinghurst Die Sparsholt-Affäre

Blessing, 2019, 544 S., 24 Euro

Aus d. Engl. v. Thomas Stegers

 

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