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Foto: © Arno Declair

THEATER

América: Münchner Kammerspiele

Der einstige Poptheater-Erfinder Stefan Pucher zählt mittlerweile zum alten Eisen der Münchner Kammerspiele: Unter Frank Baumbauer entwickelte sich Pucher vom Live-Art-infizierten Projektarbeiter zum Entdecker des Coollnesspotenzials von Klassikern, unter Johan Simons verfeinerte er dieses Theaterverständnis, und auch unter Matthias Lilienthal arbeitet er weiterhin in der Maximiliansstraße. Wobei Lilienthal selbst eigentlich der Live Art näher steht als der klassischen Dramatik, was die eigenartige Situation zur Folge hat, dass ausgerechnet Pucher unter den aktuellen Kammerspiel-Regisseuren mittlerweile die Rolle des Traditionalisten einnimmt.

Zuletzt waren Puchers Inszenierung ein wenig ins Wolkig-Ungefähre entschwebt, allerdings inszenierte er im März eine sehr coole, sehr politische Sicht auf Becketts „Warten auf Godot“ am Hamburger Thalia; von dem 50-Jährigen darf man also durchaus noch einiges an inszenatorischer Schärfe erwarten. In München dramatisiert er T. C. Boyles 1995 erschienenen Roman „América“.

Verhandelt wird Armutsmigration, in diesem Fall aus Mexico in die USA, aber die Machtstrukturen sind die gleichen wie zwischen Bulgarien und Bayern – ungleiche Einkommen, strukturelle Gewalt, eine Oberschicht, die am Ende gewinnt, und arme Teufel, die keine Chance haben, außer sich auf Demütigung und Ausbeutung einzulassen.