Bestseller: Colson Whitehead Colson Whiteheads Roman „Die Nickel Boys“ erzählt die Geschichte von Diskriminierung und Rassentrennung in einer Erziehungsanstalt im Florida der 60er-Jahre.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys

Der Titel von Colson Whiteheads neuem Roman könnte auch einer Abenteuergeschichte im Stile Huckleberry Finns entsprungen sein. Tatsächlich hat Die Nickel Boys seinen Ursprung aber im Horror der Realität. Nickel ist nicht etwa der Name einer Streiche spielenden Bande von Kindern, sondern der Titel einer Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche im Florida der 60er Jahre. Rassentrennung und Diskriminierung sind hier an der Tagesordnung. Weiße und schwarze Insassen werden nicht nur seperiert untergebracht, sondern auch unterschiedlich behandelt und vor allem bestraft.

Im Mittelpunkt des Romans steht der 16-jährige Elwood, der, inspiriert von den Reden Martin Luther Kings an die Gleichberechtigung und das Prinzip des gewaltlosen Widerstands glaubt. Der Rassismus der Jim-Crow-Zeit, da ist sich Elwood sicher, wird bald nur noch als Erinnerung wirken. Ausgehend von den Zukunftswünschen des Jungen zeichnet Colson Whitehead ein Bild der amerikanischen Gesellschafft, aus der der Rassismus einfach nicht verschwinden will. Allem Idealismus zum Trotz muss Elwood bald mit aller Grausamkeit erfahren, dass rassistisches Denken auch nach der offiziellen Abschaffung der Rasentrennung noch Bestand hat.

Auf dem Weg zum College steigt Elwood unwissentlich in ein gestohlenes Auto und wird er auf einer juristisch zweifelhaften Grundlage zur „Besserung“ im Nickel verurteilt. Als schwarzer Jugendlicher erfährt er in der Einrichtung ein Strafmaß, das auch vor Misshandlung und Isolationshaft nicht Halt macht. Die Erfahrungen lassen Elwood schlussendlich auch seinen eigenen Idealismus hinterfragen. Erst als er gemeinsam mit einem anderen Jungen die Flucht aus der Anstalt plant, wird er sich seiner eigenen Widerständigkeit bewusst.

Whiteheads Erzählung der Geschehnisse im Nickel sind fiktiv, fußen aber auf historischen Tatsachen. Als 2014 bei Bauarbeiten auf dem Gelände der gerade mal seit drei Jahren geschlossenen Dozier School 43 Leichen gefunden wurden, darunter viele, die Spuren von Misshandlungen oder gar Erschießungen aufwiesen, begannen sich die Überlebenden der Einrichtung zusammen zu tun, um über das Erlebte zu berichten. Whitehead hat die Aufarbeitung des Falles genauestens studiert. Die Memoiren der Überlebenden der Dozier School, Zeitungsberichte und sogar forensische Befunde flossen in seine Erzählung ein.

„Die Nickel Boys“ zeichnet sich durch einen Realismus aus, der den Schrecken des Dargestellten erfahrbar macht, ohne ihn mit großen, effektgeladenen Gesten auszustatten. Anstelle der Anklage setzt Whitehead eine Sprache, die ihre Distanz zu dem Erzählten auch dann nicht verliert, wenn das beschriebene Grauen eigentlich nur Missachtung hervorrufen kann. Trotz der realistischen Sprache Whiteheads bleibt die Geschichte ungemein spannend. Die dichte Atmosphäre, die Whitehead stets mit dem Hauch eines nicht greifbaren Ungewissen ausstattet, brodelt im Hintergrund der Erzählung als stetes Unheil, das sich zu entfalten droht. Vor diesem Hintergrund sind es vor allem die Einblicke in die komplexe Gedankenwelt der Protagonisten, die eine Teilnahme am Horror des Durchlebten ermöglichen. Whitehead lässt seine Leser nicht mitfiebern, in dem er seine Darstellungen mit vorausgenommenen Deutungen aufbläst – sondern in dem er vermittelt, dass es nicht möglich ist, keine Haltung zu ihm zu entwickeln.

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13. Juni 2019