FILM

Caracas, eine Liebe

Das südamerikanische Kino glänzt in letzter Zeit vor allem mit Filmen aus Argentinien, mit dem Oscar-Gewinner „In ihren Augen“ oder der schwarzen Komödie „Wild Tales“. Doch auch das Kino aus Venezuela hat trotz der Wirtschaftskrise einiges zu sagen – wie „Caracas, eine Liebe“ des Regiedebütanten Lorenzo Vigas, der damit auf Anhieb 2015 den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig gewann.

Unschärfe prägt seinen Film. Wenn die Figuren in den Bildvordergrund treten oder von dort wieder in die Unschärfe verschwinden, verschwimmen sie nicht nur als Kontur, sondern auch als Mensch. Sie sind dadurch nicht greifbar, immer bereit, sich aufzulösen, um sich dem Blick und dem Erkennen zu entziehen. Sehr oft auch halten sie sich am Bildrand auf, als würden sie gerne seitlich aus dem Fokus entfliehen. Von einer ähnlichen Unberechenbarkeit ist auch die Beziehung zwischen dem 50-jährigen Armando (Alfredo Castro) und Elder (Schauspiellaie Luis Silva) geprägt. Armando will den Straßenjungen dafür bezahlen, dass er ihn nackt anschauen und dabei onanieren kann. Elder schlägt Armando nieder, doch der distanzierte Mann lockt den Jungen mit mehr Geld, wird eine Art Vaterfigur. Je mehr der vaterlose Elder Zutrauen zu Armando fasst, desto mehr verschließt sich der Ältere …

In einem Land, in dem Homophobie weit verbreitet ist und Arm und Reich immer weiter auseinanderdriften, zieht Lorenzo Vigas’ Film beides zu einer leisen und geduldigen Geschichte über ungestillte Sehnsüchte zusammen, die einen gesellschaftsanalytischen Kern hat: Zwanzig Jahren Sozialismus haben nichts daran geändert, dass die Unterschicht von den Vermögenderen benutzt wird. Das postchavistische Venezuela hat seine Versprechen nicht gehalten. (vs)