FILM

Carol

Einer der zahlreichen Kunstkniffe von Todd Haynes‘ meisterlichem Wintermelodram „Carol“ ist es, eine Liebesgeschichte allein durch Blicke zu erzählen. Es ist elektrisierend, wie Edward Lachmans Kamera die Anziehung einfängt zwischen der verheirateten Carol Aird (Cate Blanchett), deren alles überstrahlende, doch kühl wirkende Eleganz fast zu perfekt wirkt, um dahinter nicht tiefgreifende Gefühlsverwerfungen zu vermuten, und der jungen Spielzeugverkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara). Wenn beide zum ersten Mal aufeinandertreffen erreicht das eine Intensität, die jedes verbale Liebesgeständnis in den Schatten stellt.

Inmitten der vorweihnachtlichen Geschäftigkeit eines New Yorker Kaufhauses in den 50er-Jahren werden die Gesichter der beiden Frauen zum alleinigen Fokus, die Flüchtigkeit ihrer Blicke sagt alles, was man über das von rigiden Moralvorstellungen geprägte gesellschaftliche Klima dieser Zeit wissen muss. Eine kurzer Moment, der bereits das gesamte Spektrum der Gefühle umfasst, die sich in Haynes‘ Verfilmung des unter Pseudonym veröffentlichten Patricia-Highsmith-Romans „Salz und sein Preis“ Bahn brechen – ohne dafür auch nur einen plakativen Dialogsatz zu benötigen. Eine Wohltat in einer Kinolandschaft, in der plumpe Vereindeutigungen die Regel sind.

Diese Szene ist beispielhaft dafür, wie der Film seine Figuren und sein Thema behandelt: behutsam, zärtlich, fern jeder Erklärwut – ein Lehrstück in Sachen Subtilität. Davon, wie Carol und Therese ihre Liebe vor einer repressiven Umwelt verstecken müssen, erzählt der Film vor allem auf der Bildebene, zeigt seine Protagonistinnen oft hinter Glasscheiben, die das moralische Gefängnis bebildern. Und auch wenn sich in Sachen Toleranz und Gleichberechtigung in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan hat, bleibt die Relevanz der Geschichte ungebrochen, denn noch immer ist die Akzeptanz sexueller Vielfalt nicht überall selbstverständlich. Vor allem aber ist „Carol“ ein großartiger Liebesfilm, der mühelos an die besten Werke des großen Melodramatikers Douglas Sirk heranreicht. (sb)

Ab 22. 4. ist „Carol“ auf DVD und Blu-ray im Handel erhältlich.