Szene aus "Der müde Tod"
Universum Film GmbH

FILM

Die Fritz Lang Box

Endlich! Es gibt eigentlich keine Entschuldigung dafür, dass etwa von „Dr. Mabuse, der Spieler“, einem der bedeutendsten Werke nicht nur der deutschen Filmgeschichte, hierzulande bisher keine DVD existierte. Von nun an aber müssen sich filmhistorisch Interessierte den Film nicht mehr aus den USA importieren, denn die neue Fritz-Lang-Box räumt in großem Stil mit dem bisherigen Missstand auf: Neben „Dr. Mabuse“ umfasst die Edition noch zwei weitere bislang in Deutschland nicht erhältliche Filme des Regiemeisters, „Spione“ und „Frau im Mond“. Daneben sind Langs wahrscheinlich berühmtester Stummfilm „Metropolis“, seine zweiteilige Adaption von „Die Nibelungen“ sowie „Der müde Tod“ enthalten, die es auch einzeln zu kaufen gibt.

„Der müde Tod“ (1921) ist der älteste der sechs Filme. Durch seine am Expressionismus geschulte Bilddramaturgie und das poetische Spiel mit Licht und Schatten ist er ungebrochen faszinierend: Ein junges Paar kehrt in einem Gasthof ein, wo sich bald ein mysteriöser Fremder zu ihnen gesellt. Nachdem die Frau den Speisesaal für kurze Zeit verlassen hat, ist ihr Mann verschwunden – mitsamt dem Unbekannten. Als sie seinen Spuren folgt, stößt sie auf schemenhafte Gestalten, die durch eine riesige Mauer verschwinden: Der Fremde ist der Tod persönlich – und ihr Mann gefangen im Zwischenreich. Um ihn zu retten, muss sie drei Prüfungen bestehen, die das mit düsteren Vorahnungen aufgeladene mystische Drama zum märchenhaften Abenteuer an exotischen Schauplätzen werden lässt.

Der direkte Nachfolger „Dr. Mabuse, der Spieler“ – wie „Die Nibelungen“ in zwei Filme aufgeteilt – breitet in viereinhalb Stunden ein komplexes Erzählmosaik aus, so schwer durchschaubar wie der titelgebende Gangster, der durch Masken und Kostüme in verschiedene Identitäten schlüpft und seine Gegner mit Hypnose gefügig macht. Warum Langs Einfluss auf das (Genre)Kino kaum hoch genug eingeschätzt werden kann, das macht der wilde und ausufernde Film überdeutlich. Und er ist auch ein Zeitbild der frühen Weimarer Republik, die noch immer mit den chaotischen Folgen des Krieges zu kämpfen hatte – es ist sicher kein Zufall, dass Lang den sinistren Verbrecher mit „Das Testament des Dr. Mabuse“ erst 1933 reanimierte, als ein anderer großer Manipulator an die Macht kam: Adolf Hitler.

So vielschichtig wie „Dr. Mabuse“ ist „Spione“ vielleicht nicht, aber er ist so etwas wie der Prototyp eines Actionthrillers – Schießereien und Verfolgungsjagden in für das Jahr 1928 ungewöhnlich schnellen Schnittfolgen, comicartige Sequenzen, die pure Lust am Spektakel und der Steigerung von in „Dr. Mabuse, der Spieler“ bereits erprobter Stilmittel. Über den stilprägenden „Metropolis“ (1927), Langs seinerzeit gescholtenes, mittlerweile aber längst in den Kanon eingepflegtes SciFi-Meisterwerk, muss wohl kaum noch ein Wort verloren werden; der zwei Jahre später entstandene „Frau im Mond“ geht eher als Entdeckung durch: Ein Professor will beweisen, dass es auf dem Mond nicht nur Wasser und Sauerstoff gibt, sondern auch beträchtliche Mengen Gold. Gemeinsam mit einem Ingenieur und dessen Verlobter Friede bereitet er die erste Mondexpedition vor. Es gibt in „Frau im Mond“ eine zeittypische Kriminalhandlung, mysteriöse Hintermänner und eine Dreiecks-Liebesgeschichte, doch all das dient ohnehin erstrangig der Legitimation, mittels beeindruckender Tricktechnik die erste Mondlandung zu imaginieren – 40 Jahre, bevor es dann tatsächlich soweit war. Abgerundet wird die Box schließlich von „Die Nibelungen“, einer Blaupause für beinahe jedes großangelegte Fantasy-Epos, das nach 1924 erschienen ist. sb

„Die Fritz Lang Box“ ist als DVD und Blu-ray im Handel erhältlich.