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Quelle: https://magazin.audible.de/die-juten-sitten-hoerspiel/

LITERATUR | Hörspiel "Die juten Sitten" von Anna Basener

Abseits von Gold und Glanz – die Zwanziger Jahre in Berlin 

Die juten Sitten verspricht das neue Hörspiel von audible auf dem Cover. Die juten Sitten sind es auch, die Hollywoodstar Hedi dorthin geführt haben, wo sie jetzt ein Interview geben soll: in ein Frauengefängnis. Einen Mann hat sie erschossen – aber warum? Die Antwort liegt eventuell in der Vergangenheit, in dem von Oma Minna geführten Bordell, in dem sie aufgewachsen ist. 1920, mitten in Berlin.

Statt die Fragen des Journalisten der New York Times zum ihr vorgeworfenen Mord zu beantworten, erzählt Hedi ihm von ihrer Kindheit, die in der „Ritze“, der halbseidenen Zwischenwelt einer Berliner Bordelllandschaft, alles andere als beschaulich war. Vom exzentrischen Vater, dem Suitier und Lebemann Fritz abgelehnt, hält sie sich an die außergewöhnlichen Frauen, die für Oma Minna arbeiten – Huren, deren Leben zwischen Legalität und halbseidenen Dubiositiäten einem unvorhersehbaren Weg folgt. Die Frauen, zu denen Hedi aufsieht, heißen Natalia und Colette, sie gewähren dem Kind und dem Zuhörer Einblicke in ihren Alltag als unerbittliche Domina oder als schönste käufliche Frau des wilden Berliner Untergrunds. Hedi ist aus der Ritze heraus und in das glamouröse Hollywood hinein geklettert – und jetzt, des Mordes angeklagt, erklärt sie voller Dankbarkeit, wie sie durch diese Vorbilder bis an die Spitze der Filmwelt kam.

Die Autorin Anna Basener erzählt mit ihren Sprechern diese auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte bei. Mit viel Humor und einem liebevollen Detailverständnis für Sprache und Ausdruck wird Berlin mit Gold und Dreck lebendig, mit allem, was die Zwanziger Jahre brachten oder nahmen. Audible weist darauf hin, dass der Titel für Hörer unter 18 Jahren nicht geeignet ist, was angesichts der Thematik und dem intensiven emotionalen Hörerlebnis kaum verwundert. Mehr Informationen zu den juten Sitten sind im audible-magazin zu finden.

Wie bei allen Hörspielen ist auch hier die innere Wahrnehmung und der Eindruck der Erzählung abhängig von den Stimmen der Charaktere. Bei den juten Sitten gibt es davon gleich mehrere, die furchtlos, erschrocken, stark, schwach, schmeichelnd und abweisend zugleich sein müssen. Ein gesprochenes Wort berührt auf eine tiefe Art, es setzt eine gefühlsbeladene Schwingung in Gang, welcher der Hörer direkt ausgeliefert wird, obwohl er sich die Bilder dazu vor seinem inneren Auge selbst erstellen muss. Man könnte meinen, wer Berlin nicht kennt, wird es schwer haben, die Merkmale und Eigenschaften der Stadt zu verstehen, noch dazu in einer Atmosphäre längst vergangener Zeiten. Doch den Sprechern gelingt es, sowohl den Stil der Zwanziger Jahre als auch ein unverwechselbares Berlin aufleben zu lassen. Zu diesem Zwiespalt zwischen der vorgegebenen Vorstellung in einem Film und der intuitiven Wahrnehmung eines reinen Hörerlebnisses gibt es Studien, die die emotionale Reichweite von Film und Hörbuch anhand von physiologischen und biometrischen Daten vergleichen. Im audible-magazin sind die Ergebnisse erläutert und zusammengefasst.

Unabhängig von dem wissenschaftlichen Beweis, dass das gesprochene Wort den Menschen mehr berührt als eine visuelle Darstellung, ist es ein außergewöhnliches Erlebnis, sich die juten Sitten von Oma Minna, Natalia und Fritz, von Hedi und Colette beibringen zu lassen. Wäre es ein Buch, so möchte man das Wort „lesenswert“ benutzen. Die Sprecher haben nur ihre Stimme als Werkzeug, um Adressaten in die zwielichtige, sensible und trotzdem glanzvolle Stimmung Berlins mitzunehmen – und dieser Einladung lohnt es sich zu folgen.

Dieser Artikel ist in Zusammenarbet mit audible.de entstanden