FILM

Die Mitte der Welt

Nur wenige Wochen nach der Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ startet erneut die Adaption eines vermeintlichen Jugendbuchs in den Kinos, die sich locker mit dem Film von Fatih Akin messen lassen kann: Der österreichische Regisseur Jakob M. Erwa hat sich den 1998 erschienenen Roman „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel vorgenommen. Kein leichtes Unterfangen, denn ähnlich wie „Tschick“ ist Steinhöfels Familiendrama über das Erwachsenwerden von einem ganz und gar eigenen Ton geprägt – und hat dementsprechend viele Fans, die sich sehr stark mit dem Buch identifizieren und es kultisch verehren.

Doch schon die offensichtlichen Hürden meistert Erwa spielend: Der Handlungsdichte von 450 Seiten kommt er mit geschickten Weglassungen bei. Er etabliert einen Off-Erzähler, den er jedoch nicht überstrapaziert und geschickt mit epischen Szenen kontrastiert. Und wenn er mit schnellen Schnitten, Collagetechnik und dem sehr offensiven Einsatz von Musik mitunter auch beliebte Elemente des Mainstreamkinos aufgreift, so doch stets mit ironischen Überzeichnungen und einer Experimentierlust, die weit über das Konventionelle hinausgeht. So integriert er auch den selbstverständlichen Umgang mit Mobiltelefonen – von denen Steinhöfels Roman noch nichts wusste – ohne dass dem in der Verfilmung eine zentrale Bedeutung zukommt. Erwas größte Leistung ist jedoch die Zusammenstellung eines ausnahmslos überzeugenden Ensembles: Neben etablierten Schauspielern wie Sabine Timoteo, Jannik Schürmann und Sascha Alexander Geršak glänzen mit Ada Philine Stappenbeck und Inka Friedrich („Sommer vorm Balkon“) auch zwei eher unbekannte Darstellerinnen.

Und schließlich ist da noch Louis Hofmann, der die Hauptrolle übernimmt: Schon mit „Freistatt“ und zuletzt in der dänisch-deutschen Koproduktion „Unter dem Sand“ machte der in Köln aufgewachsene und inzwischen in Berlin lebende Hofmann auf sich aufmerksam, um sich mit „Die Mitte der Welt“ nun endgültig als derzeit spannendster Jungschauspieler des Landes zu etablieren. Hofmann spielt den 17-jährigen Phil, der mit seiner Zwillingsschwester und seiner jungen Mutter Glass in einer alten Villa am Rande einer Kleinstadt lebt. Phil muss nicht nur damit fertig werden, dass Glass ihm und seiner Schwester die Identität seines in den USA lebenden Vaters verschweigt, nach und nach kommt er auch einem dunklen Familiengeheimnis auf die Spur, und als er sich in seinen neuen Mitschüler verliebt, werden seine Gefühle nicht auf die gewünschte Art erwidert: Nicolas betrügt Phil schon nach kurzer Zeit mit dessen bester Freundin Kat. Hofmanns Leistung ist bemerkenswert. Gemeinsam mit Erwa hat er intensiv daran gearbeitet, eine neue Körperlichkeit zu entwickeln und sich in den fragilen Phil einzufühlen. Der 19-Jährige offenbart Phils weibliche Seite, ohne zu überzeichnen, und er zeigt dessen Sprachlosigkeit angesichts der viel zu großen Gefühle.Einzig an den überraschend freizügigen, aber viel zu ästhetischen Sexszenen könnte man mäkeln.

Einerseits ist „Die Mitte der Welt“ ein Statement für Andersartigkeit und Selbstbestimmung, das auch das Schwulsein des Protagonisten als Selbstverständlichkeit nimmt und nicht problematisiert, andererseits zeigt der Film die Liebesszenen zwischen Phil und Nicolas als routinierten Hochglanzakt. Ist es nicht viel realistischer, wenn beim ersten Sex etwas schief geht, es auch mal peinlich und komisch ist? Muss ja aber auch nicht, und womöglich spricht hier aus dem Kritiker auch nur der pure Neid. cs