Cover Kalteis

LITERATUR

Dietrich Kalteis: Shootout

In Whistler fliegt ein Hummer durch die Luft. Travis pustet den Geländewagen mit der Panzerfaust weg und zeigt so den Typen mit den Skorpion-Tattoos, dass er sie am liebsten gleich bis zum Mond raketen will. Drogenboss „Bumpy“ Rosco aus Vancouver hat Travis und seine Jungs geschickt, damit das Gras-Geschäft in dem kanadischen Wintersportkaff bloß nicht von der Inder-Army übernommen wird. Noch vertickt Weed-Züchter Grey Stevens sein „Eight Miles High“ hier selbst, doch sowohl Bumpy als auch die fetten Inder sind scharf auf den Shit und die großen Scheine, die sich damit machen lassen. Die Touris kommen schließlich längst nicht mehr wegen des alten Olympiaparks, oder weil in Whistler so lustig Käse den Hügel runtergerollt wird. Nein, hier flashen die Joints einfach so endgeil! Für Stevens ist das Big Business Nebensache. Lieber hängt er mit seinen Hippie-Dudes Mojo, Airdog und Glinka am Bong ab, während Hydro-Henry das Weed wässert. Und außerdem ist gerade Gruftiebraut Dara in der Stadt aufgekeuzt, die Stevens vor dem Hirni aus Vancouver beschützt. Mit Dara läßt es sich entspannt chillen, während man Makkaroni mit Schimmelkäse in sich reinstopft und Cocktails im Krug mixt.

Travis dagegen wird zunehmend genervter. Nicht nur die Inder grätschen ihm bei der Jagd auf das Gras blutig dazwischen, auch ein Deal mit Stevens vertändelt sich, und dann hat er auch noch Gernegroß Nick an den Hacken. Bumpys breitbeiniger Sohnemann schafft es, mit seinem kürbisorange lackierten Camaro ständig am falschen Ort zu sein, unnötig Pusher umzunieten und sich von einem angetüterten Freak mit der Fellmütze ausknocken zu lassen. So muss immer wieder ein Reinigungsmann anrücken, der Nicks Spuren beseitigt, indem er Leichen und Autos schreddert. Denn die Mounties haben längst Nase von dem Beef bekommen, und auch zwei stiernackige Detectives mit Pornoschnäuzern lassen hinter Travis und Nick die Sirenen aufheulen …

Dietrich Kalteis inszeniert das beschauliche Whistler genussvoll als Schauplatz seiner lässigen Macho-Gangsterballade. Dabei steuert er auf ein Tohuwabohu zu, bei dem mit Double Glocks und Zwölfkalibern mehrere Chalets und Pony Cars zerlegt werden und der Bodycount in die Höhe schnellt. Sein Erzählstil erinnert an Elmore Leonard, welchem er mit seinem schwarzen Humor, dem präzisem Timing und den filmreifen Gunfights in nichts nachsteht. Kalteis überlässt jedoch einer Frau die kreativste Verteidigung: Dara nimmt kurzerhand einen fünfeinhalb Kilo schweren Ceddarkäse, um einen Angreifer auszuschalten. Yeah!

Nils Heuner

Dietrich Kalteis Shootout

Suhrkamp, 2018, 342 S., 9,95 Euro

Aus d. Engl. v. Susanna Mende