Pelecanos

LITERATUR

George Pelecanos: Das dunkle Herz der Stadt

Mit einem gewaltigen Brummschädel zwischen Müll und Erbrochenem aufzuwachen, ist selbst für den härtesten Trinker kein Vergnügen. Washington, D. C.: Barmann und Gelegenheitsdetektiv Nick Stefanos hat nach seiner Nachtschicht im Spot wieder mal kein Ende gefunden, und die Verzweiflung über sein verpfuschtes Leben mit zahllosen Bourbons und Bieren runtergespült. Auf Schlangenlinien schafft er es noch bis zum Anacostia River und fällt dort sturzbetrunken ins Ufergras. Kurz vor der Besinnungslosigkeit hört er Stimmen und einen schallgedämpften Schuss. Den Teenager Calvin Jeter findet er am nächsten Morgen nur ein paar Meter neben sich tot im Wasser. Nick plagt das schlechtes Gewissen, dass er durch seinen Komplettabsturz den Mord nicht verhindern konnte. Zusammen mit Polizistenfreund Dan Boyle und dem unerfahrenen Privatdetektiv Jack LaDuke, der gerade nach einen vermissten Freund von Calvin sucht, macht er im glutheißen Washington Jagd auf die Killer. Als eine Spur ins Drogen- und Pornomileu führt, verdichtet sich der Verdacht, dass sich die beiden Jungen leichtsinnig auf ein gefährliches Spiel eingelassen haben. Nick und Jack stehen vor der Entscheidung, ob sie für die Aufklärung alles riskieren sollen …

George Pelecanos ist mittlerweile als Drehbuchautor für die HBO-Serien „The Wire“ und „The Deuce“ weltbekannt. Seine Nick-Stefanos-Trilogie aus den 1990er Jahren steht am Beginn seiner Karriere als Krimischriftsteller, mit der er immer wieder eindrucksvoll die Geschichte der Stadt Washington im 20. Jahrhundert aus der Sicht der Underdogs und Gangster erzählt. „Das dunkle Herz der Stadt“ ist der letzte Nick-Stefanos-Band und der einzige der Serie, der bisher auf Deutsch übersetzt ist. Ein klassischer Noir, der seine Spannung gekonnt aus dem tragischen Scheitern der Protagonisten zieht. Stefanos ist längst die Kontrolle über sein Leben entglitten. Halt findet er nur noch in der leidenschaftlichen Beziehung zu seiner Freundin Lyla, doch riskiert er leichtfertig, auch diesen zu verlieren. Mit Alkohol-Exzessen, seinem Angeber-Dodge und der besessenen Suche nach den Tätern hält er verzweifelt das Trugbild am Leben, doch noch mitzuspielen. Am Ende gesteht er sich jedoch auf seine Art ein, dass er es trotz alledem wieder mal tüchtig verbockt hat: In der Dunkelheit der Nacht weicht er aus Selbstscham seinem Spiegelbild in einem Barfenster aus.