MUSIK

Hundreds: Wilderness

„Hm, vermutlich ist an dem Klischee schon etwas dran“, gesteht Eva Milner mit gespielter Empörung ein. Man muss die Hundreds-Sängerin gar nicht verlegen machen und die neue Platte des Geschwister-Duos ins Spiel bringen, um zu belegen, dass zumindest die Kunst von unserer dunklen Gegenwart profitiert: Zuletzt haben mit P.J. Harvey und Anohni auch zwei von Milner sehr geschätzte Kolleginnen ihre apokalyptischen Meisterwerke veröffentlicht. „Natürlich ist es nicht besonders inspirierend, wenn man am Strand sitzt und den ganzen Tag die Sonne scheint.“

Noch vor zweieinhalb Jahren hatte sich Milner gegen den Mythos des leidenden Künstler gewehrt – aber damals war auch die Situation bei Hundreds eine ganz andere: Nach dem erfolgreichen Debüt hatten Eva und Philipp Milner endlich ihre zweite Platte fertiggestellt. „Aftermath“ war in einer Zeit entstanden, in der es beruflich und privat für die beiden sehr gut lief, und zumindest in der ersten Albumhälfte wagte sich das Elektroduo an einen organischeren Sound, der deutlich sanfter und poppiger klang. Schlecht war das natürlich nicht, und Milner mag sich auch heute nicht von dieser zugänglicheren Seite distanzieren. „Die Single ,Circus’ zählt nach wie vor zu unseren Lieblingsstücken, und ich würde nicht ausschließen, dass wir irgendwann mal wieder bei diesem Sound landen“, sagt sie. Trotzdem war es vor allem die zweite, deutlich elektronischere Hälfte, die „Aftermath“ ausgezeichnet hat, und an ihr haben sich Hundreds auch orientiert, als es an die Arbeit für Album Nummer drei ging: „Wir wollten ein bisschen mehr nach vorne gehen, brachialer sein, und die Leute bei unseren Konzerten mehr zum Tanzen bringen.“

Doch selbst mit dieser Ansage wird „Wilderness“ auch bei Fans zunächst für offenstehende Münder sorgen: Hundreds haben die klassischen Songwriting-Popstrukturen einfach mal beiseite gelassen, experimentieren sowohl mit sperrigen Beats als auch mit ungewöhnlichen Arrangements, und die angekündigte Brachialität gipfelt in einem Albumkonzept, das die Selbstzerstörung des Menschen zum Thema erklärt. „Schon als Kind war ich apokalytischen Szenarien fasziniert und habe Bücher wie ,Die Wolke’ und ,Die letzten Kinder von Schewenborn’ verschlungen“, kommentiert Milner mit einem schuldbewussten Lachen. „Weil diese Faszination in den letzten Jahren immer stärker geworden ist, und ich beim Schreiben der neuen Songs bemerkt habe, dass es da gerade nichts Persönliches gibt, an dem ich mich abarbeiten muss, konnte das endlich mal raus.“

„Wilderness“ wäre keine Hundreds-Platte, wenn es den beiden beim Austoben nicht gelungen wäre, dem Untergang auch eingängige Popsongs abzuringen: Während an „Spotless“ eigentlich kein Radiosender vorbeikommen dürfte, greift „Take it down“ die Fluchtgedanken des Hundreds-Klassikers „Let’s write the Streets“ auf – in einer noch dunkleren, aber ebenso unwiderstehlichen Färbung. Auf ihrem bislang besten Album ausruhen, können sich Hundreds allerdings nicht, denn die angepeilte Tanzbarkeit mag mit den neuen Songs zwar kein Thema sein, doch ein Stück wie „Bearer and Dancer“ muss man erstmal auf die Bühne bringen. „Wir haben viele Spuren übereinander gelegt, um meinen Gesang in einen Engelschor zu verwandeln, während ich schon kurz darauf die Dialoge mit tiefer und düsterer Stimme singen muss. Ich habe noch keine Ahnung, wie wir das bei den Konzerten machen sollen“, sagt sie, und es ist förmlich zu hören, wie sie in ihrem Kopf die Tage bis zum Tourstart durchzählt. Sie wären nicht Hundreds, wenn ihnen nicht auch noch das gelingen wird.

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