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THEATER

Internationales Sommerfestival Hamburg

András Siebold, wie eröffnet ihr dieses Jahr das Internationale Sommerfestival?
András Siebold: Mit einer großen Uraufführung vom Pariser Choreographen Olivier Dubois und seinem Ballet du Nord mit 25 Tänzern. Sein Thema „Auguri“ past perfekt zur Eröffnung, es geht um Lebensfreude und Leichtigkeit. Dubois plant sozusagen eine vertikale Choreografie, bei der die Tänzer abheben, springen und in der Luft sind. Das Stück wird der kathartische Abschluss einer Stück-Trilogie zu grundlegenden Fragen des menschlichen Zusammenseins. Wir haben auch die vorherige Arbeit „Tragédie“ vor drei Jahren gezeigt, bei der die Tänzer erst mal 30 Minuten erbarmungslos nur vor und zurück gelaufen sind. Dann ist dieser formal-konzeptuelle Druckkessel explodiert zu einem bildgewaltigen Tanzausbruch. Damals hat sich schon gezeigt, wie gut Dubois darin ist, ein Publikum erst mal unter konzentrierte Spannung zu setzen und es dann energetisch mitzureißen.

András Siebold (geboren 1976 in Zürich) leitet das Internationale Sommerfestival Hamburg seit 2013. Dieses Jahr findet das Festival vom 10. bis 28. 8. im Kulturzentrum Kampnagel statt, unter anderem mit Performances und Konzerten von Ligna, Miet Warlop, Hatsune Miku und Eszter Salomon. (Foto: © Marcello Hernandez)
András Siebold (geboren 1976 in Zürich) leitet das Internationale Sommerfestival Hamburg seit 2013. Dieses Jahr findet das Festival vom 10. bis 28. 8. im Kulturzentrum Kampnagel statt, unter anderem mit Performances und Konzerten von Ligna, Miet Warlop, Hatsune Miku und Eszter Salomon. (Foto: © Marcello Hernandez)
Während der vergangenen Jahre hatte ich immer Probleme mit dem Eröffnungsabend. Dieser Anspruch, da gleichzeitig etwas Großformatiges, etwas Schwierigeres und etwas Massentaugliches zu machen – das steht sich doch gegenseitig im Weg.
Siebold: Wie würdest du das denn machen?

Naja, ich bin kein Festivalmacher. Aber ich habe festgestellt: Was tatsächlich funktioniert, sind Eröffnungen bei weniger kuratierten Festivals. Beispielsweise beim Theatertreffen, da ist dann eben die Eröffnung eine irgendwie logistisch passende Arbeit ohne große inhaltliche Aufladung.
Siebold: Das Theatertreffen hat es auch ein bisschen leichter, weil die Eröffnung da ein bereits fertiges Stück ist, das eine Jury toll fand. Wobei das – siehe dieses Jahr – nicht unbedingt dazu führt, dass das Stück gut ankommt. Aber Du hast natürlich Recht, ich kann Dir sofort drei Stücke sagen, bei denen das Publikum hinterher jubeln würde. „Tragédie“ von Olivier Dubois war so ein Fall, bei dem wir uns sicher waren, dass das Stück Euphorie beim Hamburger Publikum auslöst – was dann ja auch passiert ist. Aber ein ganzes Festival auf so einer Nummer-Sicher-Strategie aufbauen und nur fertige Arbeiten einladen, die irgendwo schon mal bejubelt wurden? Ich glaube, dass Kunst und Risikominimierung keine guten Partner sind und aus so einem Ansatz keine aufregenden Festivals entstehen. Für ein Best-Of-Alles-Programm braucht es auch keine Kuratoren mehr, die ein Festival oder eine Ausstellung als komplexes Beziehungsgeflecht aus Positionen und Themen anlegen, da könnte ich mir dann auch Einkäufer auf die Visitenkarte drucken.

Mir geht es darum, das Ganze inhaltlich nicht so hoch zu hängen. Zum Beispiel nicht unbedingt eine Uraufführung zur Eröffnung zu machen.
Siebold: Ja, das stimmt. Das wollten wir auch nicht mehr machen, weil der Druck einer Festivaleröffnung eine ziemliche Herausforderung ist. Letztes Jahr haben wir ja mit einem Klassiker eröffnet, mit Lucinda Childs’ „Available Light“ …

… was aber dennoch eine De-facto-Uraufführung war.
Siebold: Ja, das war die Europapremiere, eine komplett neue Version eines straighten Minimalismus-Klassikers aus den 80er Jahren, tolle Eröffnung! Aber wir konnten es uns eben vorher anschauen. Wir hätten auch dieses Jahr einfach wieder sagen können: keine Uraufführung. Aber ein Potential dieses Festivals ist nun mal, dass wir die Kampnagel-Hallen auch vor dem Festivalstart benutzen können und Proberäume haben. Außerdem schafft das Produzieren eine ganz andere, intensive Zusammenarbeit mit den Künstlern und macht das Festival und den Ort Hamburg letztlich auch international extrem attraktiv. Von Hamburg aus haben schon viele Weltreisen begonnen, und auch das Stück von Dubois wird anschließend auf den großen Bühnen Europas laufen. Oft verändern sich die Stücke dann auch noch mal, weil die Künstler mit ihren Stücken oft lange reisen und weiter arbeiten. Das ist übrigens auch ein großer Unterschied zum Stadttheatersystem, wo die Stücke oft nach 15 Vorstellungen abgespielt sind, und die Regisseure sich meistens ihre Premieren nicht einmal mehr anschauen.

Bringt ja auch Unglück.
Siebold: Ja, klar, da zimmert man sich ein bisschen Aberglauben zusammen, der das dann begründet. Mir sind einfach Künstler sympathischer, die eine Arbeit nicht einfach abliefern, und das Publikum muss dann damit klar kommen. Ich glaube, dass wir insgesamt eine gute Mischung aus neuen und bereits fertigen Arbeiten bei diesem Festival haben, die Chance etwas richtig Tolles zu sehen, ist extrem hoch! Und letztlich ist das Festival immer auch eine Summe aus einzelnen Stücken, Konzerten, Installationen, Essen, Trinken, Festival-Garten und Begegnungen. Unser Ziel ist schon, dass die Menschen den Abend ihres Lebens bei uns haben.

Kampnagel als Haus ohne eigenes Ensemble produziert zwar auch, die Zuschauer haben hier aber praktisch das gesamte Jahr über eine Festivalsituation. Wie schafft man es, dass das Sommerfestival mehr ist als eine Erweiterung des üblichen Programms?
András Siebold: Das Sommerfestival ist ja schon getrennt vom Rest der Spielzeit, alleine durch die zeitliche Pause dazwischen, aber inhaltlich gibt es natürlich Gemeinsamkeiten und einen ständigen Austausch mit den Spielzeit-Kolleginnen. Wir alle reisen viel durch die Welt, schauen Stücke an, treffen Künstler und teilen eben dieses Wissen – auch mit vielen anderen Kollegen weltweit. Viele Stücke laden wir dann nach Kampnagel ein, das Publikum sieht dann hier innovative Arbeiten etwa aus Brasilien oder Südafrika. Dazu kommen Eigenproduktionen von freien Gruppen, die sich für einzelne Stücke zusammen tun. Das ist auch ein Haupt-Unterschied zum deutschen Stadttheater: Wir haben kein eigenes Ensemble, und auch die meisten internationalen Gruppen arbeiten nicht mit festen Ensembles, sondern setzen sich immer neu zusammen. Ein weiterer Unterschied sind die Themen und Stoffe auf Kampnagel: Wir machen keine Klassikeraufwärmungen von bekannten Stücken und lassen dann Theaterpädagogen die Schulen abtelefonieren, um Schulklassen in „Kabale und Liebe“ rein zu zwingen. Das Kampnagel-Programm bezieht sich auf die Gegenwart, nicht das Gestern. Wir fangen deswegen eigentlich immer wieder bei Null an ein Publikum zu finden, denn viele Stücke und Künstler kennen die Leute erstmal noch nicht. Aber die Lust auf Neues macht den Vibe von Kampnagel aus. Die Leute wissen: Sie können sich bei Kampnagel nie sicher sein. Sie vertrauen nicht auf das, was sie eh schon kennen, sondern dem Ort, die wissen: Das wird aufregend, da kann man hingehen.

Ja – aber wie unterscheidet sich das Sommerfestival nun?
Siebold: Ich glaube, dass das Sommerfestival ein sehr eigenes Profil dadurch hat, dass es zum einen den Ort total anders bespielt und wirklich das komplette Gelände in Beschlag nimmt, auch den Garten, das geht eben nur im Sommer. Außerdem ist das Programm in allen Hallen so aufeinander abgestimmt, das Publikum sich mehrere Stücke an einem Abend ansehen kann, die bestenfalls auch einen Bezug zueinander haben. Und hinterher kann man noch ein Konzert hören, zwischendurch draußen Installationen ansehen oder einfach nur ein Bier trinken. Dass man die Leute an den Ort bindet, einen Kunstparcours kreiert – das gibt es nur beim Sommerfestival. Inhaltlich gibt es immer wieder Themenvertiefungen, Kongresse, Vorträge, konzentrierte Nachdenkzonen in einer ansonsten extrem hochenergetisch-flirrenden Festivalzone. Von anderen Festivals unterscheiden wir uns durch eine größere Nähe zur Popkultur, mit deren Bezügen in alle möglichen Stile und Genres ich mich viel beschäftige – Popkultur nicht im Sinne von „Wir hören alle Popmusik“, sondern eher im Sinne des Zusammenspiels von Zeichen, Texten, Performances.

Du hast vorhin den Festival-Vibe angesprochen: Man kommt um 19 Uhr, isst was im Garten, schaut Kunst, schaut zwei Stücke, geht dann auf ein Konzert und verlässt das Gelände um eins wieder – toll. Aber wenn man das einen Abend hochrechnet, geht das ins Geld.
Siebold: Wir hatten letztes Jahr Festivalpässe, mit denen man sich für 250 Euro alles angucken konnte. Drei Wochen für 250 Euro, für Studenten sogar nur 100! Normale Musikfestivals kosten 60 Euro pro Tag. Wenn man uns vergleicht mit jeder anderen Kulturinstitution, sei es Theater, sei es Kino, dann sind wir ein Schnäppchenparadies, das Leute zum Vielgucken verführen will – was eben auch an „nur“ einem Abend geht.

Ich meine eher den psychologischen Preis.
Siebold: Du meinst, die Leute trauen sich nicht, weil sie Angst haben, dass das so teuer ist und dann womöglich nicht gut. Ich glaube, das stimmt nicht, ich glaube, dass immer mehr Leute auch Spaß daran haben, sich treiben zu lassen. Die kommen einfach so aufs Gelände und sagen: Wir schauen mal, vielleicht gehen wir noch irgendwo rein, klingt doch nett, gerade haben wir jemanden getroffen, der das gestern schon gesehen hat und meinte, dass es okay sei. Oder: Da kam dieser Festivalleiter vorbei, und der sagte, das müssten wir uns unbedingt angucken – das machen wir jetzt mal.

Interview: Falk Schreiber