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LITERATUR

J.R.R. Tolkien: Der Fall von Gondolin

Die Faszination für die fiktive Welt Mittelerde ist ungebrochen: „Der Herr der Ringe“ ist sowohl als Roman wie auch in der Verfilmung eines der erfolgreichsten Werke aller Zeiten. Und auch wenn die Bücher schon bei ihrem Erscheinen überraschende Verkaufserfolge waren – über das Ausmaß seines Ruhms würde Autor John Ronald Reuel Tolkien heute vermutlich nicht schlecht staunen. Denn auf die literarische Anerkennung musste der Oxford-Professor lange warten. Geboren am Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Tolkien früh vom Tod seiner Eltern geprägt. Traumatische Erlebnisse als Soldat und der Verlust vieler Freunde in den Schützengräben des ersten Weltkrieges festigten sein eher düsteres Weltbild, und so wurde Tolkien auch immer wieder von Seiten der Kritik mit Eskapismusvorwürfen konfrontiert. Seine literarischen Qualitäten und der Einfluss, den er für das langsam erwachende Genre der Fantasyliteratur hatte, wurden erst später gewürdigt. Wer weiß, ob es ohne die Pionierarbeit von Frodo und der Geschichte der Ringe all die neueren, populären Reihen wie „Harry Potter“, „Stars Wars“ oder „Game of Thrones“ überhaupt gegeben hätte.

Neben seinen Hauptwerken verfasste Tolkien unzählige weitere Abhandlungen und Kapitel, die postum von seinem Sohn Christopher bearbeitet und veröffentlicht wurden. Viele dieser Texte finden sich im „Silmarillion“ und in „Nachrichten aus Mittelerde“ wieder und liefern den historischen Überbau für die Welt, die wir mit Bilbo, Frodo und Gandalf entdecken durften. Für Tolkien gab es dabei drei Kapitel, die er als zentral für die frühen Zeitalter Mittelerdes erachtete: „Beren & Luthien“, die Liebesgeschichte zwischen einem Menschen und einer Elbin, „Die Kinder Hurins“ um den tragischen Helden Turin und jetzt „Der Fall von Gondolin“. Nachdem Christopher Tolkien bereits die beiden ersten Geschichten im Sinne seines Vaters überarbeitet und in Buchform veröffentlicht hat, schließt sich mit dieser Neuerscheinung die „Trilogie des Ersten Zeitalters“.

Worum geht es in „Der Fall von Gondolin“? Die Geschichte spielt mehrere tausend Jahre vor den Ringkriegen. Zwei mächtige Gegner stehen sich gegenüber: der gottgleiche Ulmo und Morgoth, Herrscher aller bösen Kreaturen. Ulmo schickt den Menschen Tuor mit einer Warnung nach Gondolin, der verborgenen, mächtigen Stadt der Elben. Denn vor allem Gondolin hindert Morgoth daran, die Macht in Mittelerde ganz zu übernehmen. Tuor wird in Gondolin aufgenommen und gewinnt das Herz der Elbenprinzessin Idril. Doch Verrat droht, und Morgoth marschiert mit einer gewaltigen Armee aus Drachen, Balrogs und Orks vor das Tor Gondolins …

Für Tolkien-Fans ist „Der Fall von Gondolin“ natürlich unverzichtbar, stellt er doch den Höhepunkt der Erzählungen des Ersten Zeitalters von Mittelerde dar. Auch sind stets Bezüge zum Hauptwerk gegeben: Tuor ist der Großvater Elronds, des späteren Herrn von Bruchtal. Sauron, die Verkörperung des Bösen schlechthin, lernte in diesem ersten Zeitalter sein Handwerk als mächtigster Diener von Morgoth. Die schöne Gestaltung des Bandes mit Farbtafeln des berühmten Tolkien-Künstlers Alan Lee rundet das Lesevergnügen ab. Und auch wenn der inzwischen selbst über 90 Jahre alte Christopher Tolkien angekündigt hat, keine weiteren Bücher mehr herauszugeben, gibt es doch auch gute Nachrichten, die Fans ein wenig trösten dürften: Für kolportierte 170 Millionen Dollar hat Amazon die Rechte erworben, die Geschichte vor dem eigentlichen Hauptwerk zu verfilmen.

Albert Munz

J.R.R. Tolkien Der Fall von Gondolin

Hobbit Presse bei Klett-Cotta, 2018, 352 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Helmut W. Pesch