Cover Sallis

LITERATUR | Roman

James Sallis: Willnot

Leben und Tod liegen nur einen Zufall weit auseinander. Allgemeinmediziner Dr. Lamar Hale macht diese Erfahrung fast täglich: Versiert kümmert er sich in der amerikanischen Kleinstadt Willnot um die ärztliche Versorgung der Bewohner. Dabei rettet er selbst bei kniffligen Noteingriffen so manches Leben mit ruhiger Hand. Genauso fürsorglich lindert er jedes Wehwechen, begleitet geduldig langwierige Genesungen und spendet Trost bei körperlichem Verfall. An sein eigenes Leben stellt er keine großen Ansprüche. Ihm reicht es, regelmäßig zu essen, seinen Kater Dickens aufzupäppeln und den Abend mit seinem Lebenspartner, dem Lehrer Richard, zu verbringen. Als in einer alten Kiesgrube vor der Stadt die Überreste mehrerer Leichen entdeckt werden, bittet Sheriff Hobbes den Doc um Mithilfe, doch dieser kann auch nur sagen, dass es sich bei den Opfern wohl um junge weiße Männer handelt. Bald darauf drängen merkwürdige Ereignisse in Dr. Hales beschaulichen Alltag. Warum steht der verschollen geglaubte US-Marine-Scharfschütze Bobby Lowndes unvermittelt im Sprechzimmer? Was will die mysteriöse FBI-Agentin Theodora Ogden, die sich seit den Leichenfunden in Willnot herumtreibt? Und weshalb sieht man in letzter Zeit immer wieder diesen orangefarbenen VW? Bald taucht ein weiterer Sniper auf, und es fallen Schüsse. Leben und Tod liegen wieder einmal nur einen Zufall weit auseinander … Spotter und Sniper – bei den Marines bilden sie ein Scharfschützenteam. Der Spotter beobachtet und analysiert die Lage, der Sniper gibt den tödlichen Präzisionsschuss ab. James Sallis‘ überträgt diese Strategie auf sein Schreiben – er ist ein literarischer Spotter. Aus der Perspektive seines Ich-Erzählers Dr. Hale beobachtet er lakonisch den vermeindlich unspektakulären Kleinstadtallag. Sallis liebt seltsame Ereignisse, mit denen er seine Story in Schwung hält, deren Aufklärung er aber oftmals komplett versanden lässt. Nie gerät Sallis in den Verdacht, in Krimistandards zu verfallen. Vielmehr benutzt er das Genre, um den kleinen Mysterien, Träumen und Sorgen des Alltags Raum zu geben. Dabei mengt er aus reinem Vergnügen autobiografische Elemente oder auch komplett bedeutungslose Details in die Handlung – einfach, weil sie so schöne Bilder in den Kopf des Lesers zaubern. Sallis’ realistische Dialoge geben der Handlung den Rhythmus vor. Und dank einer sensiblen Übersetzung bleiben Szenen und Gespräche so warmherzig und bildstark, dass man fast heulen möchte. Mit einer Fülle von Protagonisten zeigt er, wie wichtig Freundschaft ist, um Halt in der Welt zu finden. Sallis ist überzeugt, dass wir im Leben nur das finden, was wir zu entdecken bereit sind, und dass es entscheidend ist, wie wir die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit unseres Sterbens betrachten. Er erinnert uns daran, dass jeder Tag ein Geschenk ist – auch wenn es manchmal schlecht eingepackt ist. Und da Sallis nicht nur Spotter, sondern auch ein genialer Sniper ist, kommen in seinem knappen Roman die Schicksalsschläge ohne Vorwarnung. Sie treffen den Leser präzise – mitten ins Herz. nh

James Wallis Willnot

Liebeskind, 2019, 224 S., 20 Euro

Aus d. Engl. v. Jürgen Bürger u. Kathrin Bielfeldt

 

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