Juli Zeh: Neujahr

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Juli Zeh: Neujahr

Es war schon arg, wie Juli Zeh vor gerade mal einem knappen Jahr für ihren letzten Roman von der Kritik angegangen wurde: Natürlich fehlte „Leere Herzen“ die kompositorische Finesse von Romanen wie „Spieltrieb“ oder „Unterleuten“, doch angesichts von Rechtspopulismus und allgemeiner Gleichgültigkeit war es einfach an der Zeit, wütend zu sein und für eine schneidende Politsatire auch mal Abstriche bei der literarischen Form zu machen. Der Nachfolger bewegt sich mit knapp 200 Seiten auf ähnlich engem Raum und behandelt gesellschaftlich nicht weniger drängende Fragen. Im Mittelpunkt von „Neujahr“ steht ein moderner Familienvater: Henning ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und teilt sich mit seiner Frau die Familienarbeit. Er liebt seinen Job als Lektor in einem Sachbuchverlag, hat aber auch kein Problem damit, dass seine Frau besser verdient und er mehr Zeit in den Haushalt und die Kinder investieren muss. Eigentlich ist alles gut – trotzdem leidet Henning unter Angstzuständen und Panikattacken. Der Roman setzt ein, als er während eines Lanzarote-Urlaubs mit dem Fahrrad einen steilen Berg bezwingen will. Zeh entwirft ein detailliertes Psychogramm ihres überforderten Helden, indem sie während des Aufstiegs seine Gedanken protokolliert – doch als er sein Ziel erreicht, vollzieht sie einen radikalen Bruch. Henning gelangt zu einem Haus, das ihm seltsam vertraut vorkommt, und in der zweiten Hälfte des Romans wird er mit einer lange verdrängten Kindheitserinnerung konfrontiert … Ab hier liest sich „Neujahr“ wie ein Thriller mit dem jetzt fünfjährigen Henning als Hauptfigur, und auch wenn Zeh mit ihrer Versuchsanordnung vielleicht nicht die Frage beantworten kann, was wir neben der überfälligen Emanzipation noch erkämpfen müssen, um mit dem Leben besser klarzukommen: Ein weiteres Mal bietet sie nützliche Diskussionsgrundlagen. cs

Juli Zeh Neujahr

Luchterhand 2018, 192 S., 20 Euro

Juli Zeh: Neujahr