FILM

Junges Licht

Der Regisseur Adolf Winkelmann baut dem Ruhrgebiet seit 40 Jahren filmische Denkmäler. Er hat den Strukturwandel und den Rückgang der einst in der Region dominierenden Steinkohleförderung und Stahlindustrie als Chronist eingefangen und mit der Kamera kartografiert. Seine Ruhr-Trilogie aus „Die Abfahrer“ (1978), „Jede Menge Kohle“ (1981) und „Nordkurve (1993) steht als Ausnahmeerscheinung und Kinogedächtnis in der deutschen Filmlandschaft, ganz so wie die großen Zechen und Stahlwerke in Essen, Gelsenkirchen, Duisburg oder Bochum an die soziokulturellen Veränderungen gemahnen. Nun hat der 70-jährige Winkelmann seine Trilogie zur Tetralogie ausgebaut: „Junges Licht“ heißt sein neuer Film.

Das Ruhrgebiet in den Sechzigern: Vater arbeitet unter Tage, hat sich einen gewissen Wohlstand angespart und versucht, auf wortkarge Weise ein guter Ehemann zu sein. Mutter sitzt im Mietshaus und frustet sich in eine Depression. Und der zwölfjährige Julian versucht, sich irgendwie durch den Sommer durchzuschlagen, durch die Bedrohung der fiesen Halbstarken am Baggersee, durch die emotionale Verwirrung, die die Brüste der 15-jährigen Nachbarin auslösen, durch die Sprachlosigkeit des gutwilligen, aber hilflosen Vaters. Und nur am Rande leichte Irritationen: der Lehrer, der preußisch-autoritär prügelt, der Nachbar, der kleine Jungs seltsam gern zu haben scheint. Adolf Winkelmanns Film ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die sich für Julians Coming of Age kaum interessiert, aber mit Absicht. Großartige Schauspieler wie Charly Hübner, Lina Backmann und Caroline Peters („Mord mit Ausssicht“) stehen da in der Szenerie und treiben eine Handlung weiter, die doch nur angerissen wird. Im Zentrum steht hingegen die Sozialgeografie der Industrielandschaft in all ihrer Schönheit, die Zechentürme, die Rangierbahnhöfe, der Qualm der Kokerei. „Bei dir unter Tage ist immer Nacht“, sagt Julian zu seinem Vater. „Kann auch schön sein“, antwortet der. Ein Heimatfilm. (vs/fis)