Lisa Eckhart
Lisa EckhartFoto: Franziska Schrödinger

SHOW | Tournee

Lisa Eckhart: Die Vorteile des Lasters

Lisa Eckhart kokettierte ja schon immer mit dem Renegatentum gegen die kapitalistische Konsumgesellschaft. Aber nicht, um diese besser zu machen, dann wäre die Österreicherin ja keine Renegatin, nein: Im neuen Programm „Die Vorteile des Lasters“ ist Eckhart so frech, die Freiheiten, die wir genießen, durch die Brille des reaktionären Katholizismus zu betrachten, ohne diesem jedoch zu verfallen. Ihre Erkenntnis: „Polyamorie versaute die Unzucht. Facebook beschämte die Eitelkeit. Ego-Shooter liquidierten den Jähzorn. Wellnesshotels verweichlichten die Trägheit.“ Deshalb will die Kabarettistin die Sünde neu erfinden und stellt sich Fragen wie: „Wie verachtet man die Unterhaltungsindustrie, ohne Adorno schmeichelnd ans Gemächt zu fassen? Wie wird man zum Ketzer einer säkularisierten Welt?“

Interview Lisa Eckhart

Heimtückisch? Nein! Die Comedienne Lisa Eckhart will offen demagogisch sein.

Frau Eckhart, weshalb stehen Sie eigentlich auf der Bühne? Sie wollten doch mal Lehrerin werden.

Lisa Eckhart: Kinder sind nicht das richtige Zielpublikum, das kann ihnen nicht zugemutet werden. Es war aber auch schon während meines Lehrerdaseins der Wunsch da, mich vor einer Masse williger Zuhörer zu produzieren. Wenn das Publikum so etwas wie Rechte besitzt – was Schüler tun –, ist das nicht möglich. Ich muss freie Gewalt über das Publikum haben.

Sie wurden von keiner Schauspielschule genommen, bei der vorsprachen. Sie wollten lieber den Mephisto geben als das Gretchen?

Eckhart: Es war der einzige Monolog, den ich zu spielen gewillt war, und das hat niemand goutiert. Man sagte mir: Spiel das Gretchen oder spiel die Julia wie jedes Mädchen, das hier ankommt, aber mach jetzt hier nicht deinen postmodernen, geschlechterübergreifenden Unsinn. Ja, das war aber nicht das einzige Problem, es hat schlicht vorn und hinten gehapert. Denn da ich Literatur an sich zwar schätze, fremde Werke aber überhaupt nicht, habe ich schließlich eigene Monologe geschrieben.

Schon in der Abschlussarbeit ihres Germanistikstudiums befassten Sie sich mit der Figur des Teufels in der deutschsprachigen Literatur. Was ist so faszinierend am Teuflischen?

Eckhart: Hm. Wissen Sie, das habe ich nie hinterfragt.

Das Teuflische war einfach da?

Eckhart: (lacht) Im Teuflischen fand ich immer eine viel größere Ambi?valenz als im neutestamentarischen Göttlichen, was ja doch sehr durchschaubar ist. Es war einfach von Beginn an eine Faszination für das Zerstörerische – was natürlich gleichzeitig sehr produktiv ist – in mir.

Mephisto ist auch ein Manipulator. Wollen Sie manipulieren?

Eckhart: (zögernd) Manipulation klingt so … verschroben. So hinterrücks. (voller Überzeugung) Ich würde es gerne derartig demagogisch offen machen, dass die Menschen es mitbekommen und sich trotzdem nicht erwehren können. Ich will nicht heimtückisch sein, sondern sehr laut populistisch und trotzdem wirksam.

Mit Charme?

Eckhart: (verwundert) Ja. Natürlich. Das ist das Wichtigste.

Interview: Jürgen Wittner