Lisa Politt
Lisa PolittFoto: Emil Haase

SHOW | Sollbruchstelle

Lisa Politt: Sollbruchstelle

Lisa Politt ist mit ihrem neuen Programm ein ganz großer Wurf gelungen. Politt, die mit „Sollbruchstelle“ auch das 15jährige Bestehen ihrer Hamburger Bühne Polittbüro feiert, steht gleich mal ratlos vor dem Publikum und erklärt das Stück als nicht ganz fertig geworden. Die Dürre, die Hitze, die sich überschlagenden politischen Ereignisse: Man kann sich gar nicht merken, wie viele Ausreden sie bringt, aber natürlich ist alles davon nur auch wieder Teil des Stücks. Angekündigt als Fragestellung, ob „der Rassismus die Sollbruchstelle der Solidarität unter den Bedingungen der Sozialpartnerschaft“ sei, ist „Sollbruchstelle“ alles andere als kohärent, sondern vielmehr ein einziger kurzweiliger Wechsel zwischen Frontalkabarett und ratlosem Suchen. Mal nach der Melodie eines Soldatenliedes, das Lisa Politts Mutter der Tochter immer vorgesungen und ihr damit ein Gefühl großer Geborgenheit gegeben hat: Sie hatte den Text damals einfach nicht verstanden. Überhaupt: die Erinnerung! Von der Kindheit über das Studium bis in die nahe Vergangenheit streckt sich der Bogen der Politt’schen Anekdoten, die ein Gefühl für die jeweiligen gesellschaftlichen Zustände vermitteln. Oft ironisch verpackt, oft auch auch authentisch emotional, etwa wenn Politt als schönsten Moment ihres Lebens die Geburt ihrer Tochter nennt. Also: den Moment danach, soviel Pointe muss auch hier doch bitteschön sein! „Sollbruchstelle“ ist ein Stück voller Bruchstücke, gekonnt montiert durch einen Dialog mit Regisseur Christian Bartz, der wo es nur geht, von Lisa Politt gedisst wird und aus dem Off kräftig zurückkeilt bis hin zur Frage, wie es denn um die Unternehmerin Politt stehe und ihr Verhältnis zu den Beschäftigten im Theater. Stockend und dann immer fließender verteidigt sich die Kabarettistin im besten kapitalistischen Unternehmersprech und holt so Kapitalismuskritik über die eigene Person ins Stück. „Sollbruchstelle“ ist bestes Kabarett jenseits von Frontalunterricht und doch mit klaren Aussagen und dem deutlichen Fingerzeig, wie es mit dem seit Jahrzehnten totgesagten Kabarett weitergehen kann. Wenn eine gute Regie am Werk ist.

Jürgen Wittner