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Messer: Jalousie

Mit ihrem dritten Album „Jalousie“ fahndet die Gruppe Messer erfolgreich nach der Liebe – doch dann trifft ihr Chefermittler eine folgenschwere Entscheidung.

Hendrik Otremba ist besessen von Detektiven. „Mit unserem Bassisten Pogo habe ich sogar überlegt, ob wir in Interviews nicht sagen, man habe so lange nichts von uns gehört, weil wir zwischenzeitlich als Detektive gearbeitet haben und so sehr in Ermittlungen verstrickt waren, dass wir einfach keinen Kopf für die Band hatten“, sagt der Messer-Sänger und lacht. Bislang ist er aber immer bei der Wahrheit geblieben, wenn es darum ging, warum seit dem letzten Album ganze drei Jahre vergangen sind: Gitarrist Pascal Schaumburg hat die Band verlassen, wodurch sich die Arbeitsweise der Gruppe Messer radikal verändert hat. Waren die ersten beiden Veröffentlichungen sehr rockistische Platten, die situativ im Proberaum entstanden sind, so haben sie bei „Jalousie“ einen deutlich produzierteren Ansatz gewählt, bei dem viel rumprobiert, liegengelassen und und wieder verändert wurde. Für eine Ahnung, wie vielschichtig und musikalisch verspielt Messer jetzt klingen, muss man sich nur die neue Besetzung und die Gästeliste des neuen Albums anschauen: Für Schaumburg ist jetzt Gitarrist Milek dabei, der auch Synthie spielt, Live-Perkussionist Manuel Chittka wird fortan als festes Mitglied geführt, Bassist Pogo hat die Orgel für sich entdeckt, und neben den beiden Gastsängerinnen Stella Sommer (Die Heiterkeit) und Katarina Maria Trenk (Sex Jams) haben auch Jochen Arbeit von den Neubauten und Notwist-Mitglied Micha Acher an der Trompete ihre Auftritte. Und da passt es dann auch, dass sich der Texter Otremba einer ganz neuen Herausforderung stellen wollte: „Das Schreiben über das Abgründige, das Dämonische und das Kaputte geht mir inzwischen so gut von der Hand, dass ich es nicht mehr als Herausforderung gesehen habe. Ich wollte lieber positive Gefühle beschreiben und so etwas wie Liebe und Glück textlich begreifen – allerdings ohne zu verkitschen, ohne einen Rückzug ins Private zu unternehmen und auch ohne diesen Ansatz konzeptuell in den Vordergrund zu heben.“

Hier kommen wieder die Detektive ins Spiel, denn sie sind für Otremba die Mittler in eine Welt, in der auch Liebe lyrisch verhandelbar ist. Inspiriert von den dekadenten, gleichzeitig aber total heruntergekommenen Hotelzimmern während einer China-Reise für das Goethe-Institut, verortet er seine Texte in einer instabilen Hardboiled-Noir-Welt, in der die Störungen und das Verbrechen wie selbstverständlich zur Gesellschaft gehören. Hier begegnet man einem korrupten Polizeiapparat, Echsen, sieht Rauschgiftnadeln in Armen stecken, aber es sind auch ein Verlangen und ein großes, leidenschaftliches Sehnen erfahrbar. Vielleicht hat Otremba mit „Detektive“ sogar zum allerersten Mal ein rein fiktionales Messer-Stück geschrieben, doch die herausragendste Komposition von „Jalousie“ ist wohl „Schwarzer Qualm“, ebenfalls eine Pionierarbeit. „Die meisten meiner Texte entstehen aus einem politischen Bewusstsein, aber sie sind oft kryptisch, und ich vermeide konkrete Bezüge, um eine längere Halbwertzeit zu erreichen und eher Gefühle des generellen Unbehagens aufzurufen. Doch bei den vielen Menschen, die in den Meeren dieser Welt ums Leben kommen und keinen Ort finden, der ihnen Sicherheit gewährt, habe ich zum ersten Mal die Verantwortung gespürt, mich auf der Ebene eines Songtextes äußern zu müssen“, kommentiert er das Stück, das ihm am schwersten gefallen ist – gerade weil er nicht so leichtfertig und naiv wie viele Kollegen an dieses sensible Thema gehen wollte. Sogar das Wort „Deutschland“ kommt vor – wird von Otremba aber dankenswerterweise verstottert. Denn spätestens hier hört die Liebe auf.

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SCHWARZER QUALM
Im Boden des Hauses klafft ein Loch
Das Wasser, es dringt vom Keller ein
Keiner weiß hier deinen Namen
Niemand lässt dich hier herein
Der Grund des Meeres ist ein Loch
Doch du tauchst in die Fluten ein
Wer hier stirbt, der will doch ein Leben
Am Ende bist du ganz allein

Deutschland ist ein tiefes Loch
Die Mauern bilden einen Schrein
Den Gipfel ziert ein Totenkopf
Unendlich tief muss es dort sein
Ich lebe in einem dunklen Loch
Die Wächter, sie füllen es mit Wein
Das Gift, es liegt hier auf den Straßen
Am Ende bist du ganz allein

Ich schaue in den Himmel
Alles was ich sehe
Schwarzer Qualm

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