Besson

LITERATUR

Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Während eines Interviews im Jahr 2007 schreckt der Schriftsteller Philippe Besson plötzlich auf, als er in der Lobby des Hotels in Bordeaux einen jungen Mann erblickt, der ihn an seine erste große Liebe erinnert. Diese Begegnung liefert den Startschuss für einen autobiografischen Roman, der in den frühen 80er-Jahren in der französischen Provinz einsetzt: Als 17-jähriger Sohn des Schuldirektors steht Besson kurz vorm Abitur. Er ist ein Außenseiter, weil seine Mitschüler spüren, dass er anders ist. „Ich vernehme die berüchtigten Verunglimpfungen, zumeist ätzende Anspielungen. Ich sehe um mich herum übertrieben weibische Gesten, affig baumelnde Hände, theatralischen Augenaufschlag, angedeutete Fickbewegungen.“ Umso überraschter ist Besson, als der ein Jahr ältere Winzersohn Thomas sein Interesse erwidert. Die beiden werden ein Paar, doch verlangt Thomas, dass sie sich heimlich treffen und niemand von der Affäre erfährt. Und auch das Ende ihrer Beziehung sieht Thomas richtig voraus: Während Besson nach dem Abi in Paris ein gefeierter Schriftsteller wird, übernimmt Thomas den Hof der Eltern und beugt sich den ländlichen Konventionen, indem er seine Sexualität verleugnet … Natürlich knüpft Besson an Autoren wie Didier Eribon und Édouard Louis an, doch ist es keinesfalls Berechnung, auf der sein bisher größter Romanerfolg fußt: Der junge Mann im Hotel entpuppt sich als Thomas’ Sohn Lucas, und es vergehen weitere acht Jahre, bis Lucas erneut den Kontakt zu Besson aufnimmt, um ihn über das Schicksal seines Vaters zu informieren. Mit „Hör auf zu lügen“ seziert Besson diese für ihn so prägende Beziehung, er spürt ungeklärten Fragen und Gefühlen bis in sein literarisches Schaffen nach, und gerade weil er mit nüchterner, schmuckloser Sprache komplett auf Pathos verzichtet, gelingt ihm eine ergreifende Liebesgeschichte, bei der sich Verkopfung und Leidenschaft nicht gegenseitig ausschließen. cs

Philippe Besson Hör auf zu lügen

C. Bertelsmann, 2018, 160 S., 20 Euro

Aus d. Franz. v. Hans Pleschinski