FILM

Tangerine LA.

Kaum mal einen Monat im Knast, schon geht der Macker fremd: Die transsexuelle Prostituierte Sin-Dee Rella (Kitana Kiki Rodriguez) hat einen Megabrass, als ihre beste Freundin Alexandra (Mya Taylor) ihr steckt, dass Sin-Dees Zuhälter und Freund Chester eine echte Frau flachgelegt hat. Wutentbrannt und dauerplappernd stürmt Sin-Dee los durch die Straßen von Hollywood, um Chester zu finden – und die Bitch, mit der er geschlafen hat … Sean Baker gibt seinen Figuren, die von echten Transgender-Huren gespielt werden, einen minimalen Anlass, die klassische Motivation Eifersucht – und lässt sie dann von der Leine. Mit dem iPhone5 und einem Scope-Adapter gedreht, folgt Baker Sin-Dee und Alexandra durch das in hyperrealistisches Gelb, Grün und Rot getauchte Milieu, das einer urbanen Feldmark gleicht, in dem sich Schnellimbisse mit Waschanlagen, Lagerhallen, verrammelten Straßenzügen, Seitenstraßen für den schnellen Autosex und der nächsten Fastfoodbude abwechseln.

Das hier nonstop gemeckert, geschimpft, geschrien und beleidigt wird, hat einen tieferen Sinn: Die Figuren versichern sich so der Berechtigung ihrer Bordsteinschwalbenexistenz; indem sie ihr Leben nonstop verbalisieren, übertönen sie auch die diskriminierenden Stimmen der Umwelt, die nonstop sagen: Eigentlich bist du nur ein Typ, der in Frauenkleidern rumläuft und für Geld fast alles mit sich machen lässt. Es geht hier im Kern um Stolz und das Recht, auch als Außenseiterin und gesellschaftlich Geächtete ganz mainstreamhafte, spießige Probleme und Sehnsüchte haben zu dürfen. Und so schält sich zwischen den gekeiften Dialogen über „ugly ass bitches“, Donuts und gekaufte Auftritte im Nachtclub eine anrührende Geschichte über Treue und Freundschaft heraus. Sie endet mit zwei schönen schwarzen Männern im Waschsalon, die ihre uringetränkten Fummel und Perücken waschen, es ist Heiligabend, und es ist wunderbar. vs