Cover Semotamová

LITERATUR | Roman

Tereza Semotamová: Im Schrank

Die junge Pragerin Hana zieht in einen Schrank: ein Akt radikaler Abgrenzung und die Erschließung eines eigenen Raumes. Was folgt, ist ein Resümee ihrer missglückten Beziehungen, des Verhältnisses zu ihrer Familie und des Wunsches nach dem traditionellen Erfolgsmodell – Beziehung, Job und Kinder. Doch woher stammt dieser Wunsch?

Tereza Semotamová vermag es mit ihrem Debütroman, die Leser in das Leben ihrer Protagonistin eintauchen zu lassen. Den Fokus auf Hana nutzt die Autorin geschickt, um zu desorientieren und ihre Verlorenheit in den Umständen greifbar zu machen: Alltägliche Szenen mit Familie und Freundinnen gehen fließend in Erinnerungen, Träume und entrückte Grübeleien über. Dabei gelingt es Semotamová, aus Hana mehr als die Repräsentantin eines Zeitgeistes zu machen, weswegen „Im Schrank“ nicht wie eine nüchterne Bestandsaufnahme anmutet. Im Vordergrund steht Hana als Mensch – ihre Gelähmtheit, ihr trockener Humor, und ihre verkopfte Perspektive auf sich und die Menschen um sie herum.

Das ist mitunter etwas hochtrabend, etwa wenn Hana beiläufig ihre Liebe zu Wittgenstein erwähnt. Solche Passagen sind schwer zu lesen, wirken aber nicht wie der Versuch, dem eigenen Werk zu Bedeutsamkeit zu verhelfen, sondern vertiefen den Eindruck einer eingehenden Charakterstudie. Und wenn Hana einen ab und an nervt, würde sie selbst das bestimmt verstehen. Schließlich ist auch das ein Beweggrund für die Flucht in den Schrank: Urlaub von sich selbst. jl

Tereza Semotamová Im Schrank

Voland & Quist, 2019, 288 S., 22 Euro

Aus d. Tschech.v. Martina Lisa

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