Thomas Raab Cover

LITERATUR

Thomas Raab: Walter muss weg

Herr Raab, Sie gehen in die tiefste Provinz, in ein Dorf mit 300 Einwohnern. Warum beleuchten Sie ausgerechnet diesen Mikrokosmos?

Thomas Raab: Das hat viele Gründe. Zum einen wollte ich mit meinem Kopf raus aus der Stadt. Es war mir ein großes Bedürfnis, mein Hirn zu füllen mit dem Duft von Heu und Dünger. Ich wollte den Winter spüren und den Sommer und mich so richtig erden. Zum anderen bin ich als Kind sehr viel auf dem Land gewesen, habe die Sommer in Oberösterreich mit Bauernbuben verbracht und wurde meistens verdroschen als Stadtkind. Zum dritten finde ich, dass sich unsere Aufmerksamkeit immer mehr auf die Ballungszentren richtet. Dabei vergessen wir, dass es noch ein Leben abseits dieses Kosmos’ gibt. Dieser dörfliche Mikrokosmos ist aber der Makrokosmos, der unsere Welt ausmacht.

Ihre Heldin, die Huber, sagt: „Jedem ist alles zuzutrauen. Immer.“ Woanders heißt es: „Ohne die Lüge hätte sich die Menschheit längst erschlagen.“ Bei Ihnen ist die Provinz aber auch nicht gerade mit Unschuld beleckt.

Raab: Nein, überhaupt nicht! Überall da, wo Menschen zusammenkommen, kann man das Wort „Unschuld“ an den Nagel hängen. Es gibt keinen Unterschied zwischen der Düsternis in der Stadt und auf dem Land. Dort ist es aber viel spannender, weil dort jeder jeden kennt und alles aus der Düsternis wieder auftaucht. Ich hab auch bewusst eine Streusiedlung gewählt, damit man die Füße in die Hand nehmen muss. Man kann nicht ins Fenster des Nachbarn schauen, außer mit einem Feldstecher. Gleichzeitig hat das Dorf mehr Geborgenheit, jede Einheit ist mehr für sich.

Bei Ihnen weiß die Heldin praktisch nichts über ihren Mann – bis zu seinem Tod. Ist das realistisch?

Raab: Absolut. Ich glaube, dass sich das in viele Beziehungen einschleicht, nicht umsonst führen ganz viele Menschen ein Doppelleben. Nach dem Tod meines Vaters habe ich erfahren, dass ich noch einen Halbbruder habe. Das Geheimnis ist ein Wesen des Menschen. Nicht umsonst haben die Kinder Überraschungseier irrsinnig gerne.

Sie haben einen sehr genauen Blick auf die Menschen, gehen aber geizig mit der Zeit um. Sogar wenn ein Auto mit Karacho in die Schutznetze einer Apfelplantage rast, geschieht das in Zeitlupe, denn der Blick des Apfelbauern entschleunigt die Raserei komplett.

Raab: Ich bin damals dort an den Bäumen gestanden, und plötzlich segelt dieses Auto vor meinem inneren Auge vorbei. Ich schreib das dann richtig ab, was in meinem Kopf geschieht, aber zuerst mal musste ich richtig lachen, denn es war wie die Zeitlupe vom Sturz des Abfahrtsläufers Hermann Maier bei den Olympischen Spielen in Nagano 1998.

Interview: Jürgen Wittner

 

Thomas Raab Walter muss weg

Kiepenheuer & Witsch 2018

380 S., 20 Euro