Two Billboards & Frances McDormand
2018 Twentieth Century Fox

KINO

Three Billboards outside Ebbing, Missouri

Es sind diesen wenigen Sekunden am Anfang des Films, in denen die ganze Qualität von Martin McDonaghs Thrillerdrama komprimiert ist wie ein Universum in einer Erdnuss: Mildred Hayes (Frances McDormand) sitzt William Willoughby (Woody Harrelson) gegenüber, dem Polizeichef der Kleinstadt Ebbing. Vorhin hatte sie dem Zahnarzt mit dessen Bohrer ein Loch im Finger verpasst, weil der Doc sich über die drei Plakatwände beschwert hatte, auf denen Hayes die Untätigkeit der Polizei nach dem Mord an ihrer Tochter beklagt. Hayes ist aggressiv, kalt, schnippisch, wortgewaltig, Willoughby ist milde, vermittelnd, sanft, schlagfertig. Sie kotzt ihm ihre Wut und Verzweiflung auf den Tisch, er lässt sich nicht provozieren, so geht das hin und her, Gefrotzel hier, Sticheleien da, man kennt das, man kennt sich. Bis Willoughby Blut in das Gesicht der erschreckten Hayes hustet.

Auch als Zuschauer erstarrt man. Urplötzlich verwandelt sich der verhärmte Ausdruck auf Hayes’ Gesicht zu einer Miene der Güte und des Mitleids. Willoughby hat Krebs. „Tut mir leid, ich wollte nicht … “ stammelt der Bulle. „Ich weiß, Baby“, sagt die Kodderschnauze unendlich sanft. Man weiß nun: Diese Kontrahenten haben mehr gemeinsam, als man dachte, ihre Beziehung ist von Zuneigung geprägt, die man in diesem Landstrich eben unter Schimpfwörtern und Beleidigungen versteckt. Und man weiß auch: Wenn der Film in der Lage ist, innerhalb von Sekunden so viele unterschiedliche Emotionen auszulösen – zu was ist er dann noch in der Lage? Zu allem, was diese Szene verspricht. „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ schlägt erzählerische Haken und Volten, die man jedem Filmstudenten mit dem Rotstift aus seinem Drehbuchentwurf streichen würde. Nie machen die Figuren das, was man erwartet. Die tragische Kleinstadtballade wird zur schwarzen Komödie wird zur Rachestory wird zur biblischen Geschichte von Vergebung und Hoffnung. Hayes attackiert die Polizei, wo sie nur kann, auch mit Brandsätzen, und legt sich mit dem dumpfen Hilfssheriff Dixon (Sam Rockwell) an. Als der Konflikt zu eskalieren droht, greift Willoughby als Deus ex Machina ein …

McDonagh, der 2008 mit der Gangsterkomödie „Brügge sehen … und sterben“ schon seine Fähigkeiten andeutete, Brutalität, Humor und Humanismus in Einklang bringen zu können, liefert hier sein Meisterstück. Getragen von seinem herausragenden Ensemble weist „Three Billboards“ über eine Groteske im Stil der Coen-Brüder weit hinaus. Der Film wird zu einer Parabel über unsere von Aggression und Konfrontation geprägten Zeiten, erst recht im Trump-Amerika. Aber Hass und Gewalt sind überwindbar, Vergebung und Veränderung möglich. Der Weg zu Läuterung und Erlösung ist in diesem Film extrem beschwerlich. Doch nur, wenn man ihn gegangen ist, hat man eine Chance auf ein besseres, friedlicheres Leben. „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ ist nichts weniger als ein Film über die menschliche Natur – wenn man ihre Ambivalenz denn aushält. vs

„Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ ist als DVD und Blu-ray im Handel erhältlich.