Cover Perrotta

LITERATUR | Roman

Tom Perrotta: Mrs. Fletcher

Eine zeitgenössische Landkarteder amerikanischen Sexualmoral legt Tom Perrotta mit „Mrs. Fletcher“ vor – verpackt in eine kompakte Mutter-Sohn-Geschichte. Und die geht so: Während Brendan Fletcher nach seinem Auszug zu Hause und dem Start am College erfahren muss, dass echte Frauen nicht darauf stehen, beim Oralsex als „Schlampe“ bezeichnet zu werden, entdeckt seine alleinstehende Mutter ihre Vorliebe für MILF-Pornos, die kurvenreiche neue Mitarbeiterin und den psychisch angeschlagenen Altersgenossen ihres Sohnes. Eine Transgender-Frau, Tinder-Dates, Masturbation, Exhibitionismus, Dirty Talk, eine Ménage-à-trois, romantische Liebe und – ganz am Rande – ein asexueller Jüngling kommen ebenfalls vor. Hat Perrotta noch was vergessen? So oder so: Hartnäckig arbeitet er sich an seinem Themenkomplex ab, mal als allwissender Erzähler aus Eves Perspektive, mal als oberflächlicher Ich-Erzähler Brendan. Wo die Gefahr droht, ins Pornografische abzugleiten, lässt der Bestseller- und Drehbuchautor Witz und Ironie walten, subtil, aber wirksam. So wirksam, dass „Mrs. Fletcher“ trotz viel Gerede über Sex irgendwie bieder daherkommt. Ob‘s an der 46-jährigen Eve liegt, die bei aller theoretischen Offenheit dann doch ständig mit ihren Gewissensbissen zu kämpfen hat? Am vorhersehbaren Plot, an zu offensichtlich herangezogenen Rollenklischees? Passt auf jeden Fall, dass am Ende geheiratet wird, hetero, gleichaltrig, brav. Willkommen in der Wirklichkeit – der Trotz-Tinder-trotz-YouPorn-trotz-LGBTQ-Realität. jul

 

Tom Perrotta Mrs. Fletcher

dtv, 2019, 416 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Johann Christoph Maass

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