Villagers_TAOPTS_LP_4096x4096

MUSIK

Villagers: The Art of pretending to swim

Conor, wenn man nach deiner neuen Platte geht, könnte es passieren, dass die Leute bei Villagers-Konzerten plötzlich tanzen.

Conor O’Brien: Wir haben bereits ein paar Festivalshows hinter uns, bei denen wir im zweiten Teil auch schon einige der neuen Songs ausprobiert haben. Bei einem kleinen Festival in Polen ist es zum ersten Mal passiert, und ich weiß noch, wie mich Danny, der schon seit zehn Jahren bei mir in der Band den Bass spielt, auf der Bühne angeschaut hat: Fuck, also doch!

Dann hattest du diesen Wunsch schon lange?

O’Brien: Eigentlich wollte ich diesen Schritt schon mit meinem zweiten Album vollziehen. Nach dem Debüt hat es mich genervt, auf den Folkie reduziert zu werden. Aber damals ging es mir nicht sehr gut, und ich wusste selbst nicht so genau, was ich eigentlich gemacht habe. (lacht) Heute mag ich „Awayland“, weil die Platte so zerstreut klingt, wie ich mich damals gefühlt habe.

Schon damals hat dir das Songwriting nicht gereicht, und du wolltest auch als Produzent kreativ sein?

O’Brien: Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass ich irgendwann an den Punkt komme werde, an dem ich mich vor allem auf die Studioarbeit verlege. Songs zu schreiben, laugt mich einfach aus. Die Krux ist ja, dass ich umso besser schreibe, je stressiger es ist. Will ich das wirklich noch jahrelang aushalten?

Dein letztes Album vor drei Jahren ist da ja richtig ausgeschert: Mit den sehr reduzierten Songs von „Darling Arithmetic“ hast du dein Coming out verarbeitet.

O’Brien: Die Songs haben ein intimes Setting erfordert, und bei der Thematik wollte ich auf keinen Fall mit dem Drama spielen. Stell dir diese Platte opulent produziert vor – man wäre schnell bei einer queeren Rockoper.

Thematisch schlägt „The art of pretending to swim“ jetzt durchaus eine Brücke, wenn es gleich im Opener „Again“ um Religion geht.

O’Brien: Als Ire kommt man am Katholizismus nur schwer vorbei, aber als ich mir nach und nach meiner Sexualität bewusst wurde, merkte ich sehr schnell, was für ein homophober Ort die Kirche ist. Ich habe der organisierten Religion sehr schnell abgeschworen und mich als Teenager als Atheist definiert. Trotzdem war es mir extrem wichtig, das Wort „Gott“ jetzt in dem Song zu verwenden. So sehr es eine Befreiung war, gegen die Kirche zu rebellieren, war es jetzt auch eine Befreiung, bestimmte Begriffe zurückzuholen und für mich anzuverwandeln. Ich will der Kirche nicht ein ganzes Wörterbuch überlassen.

Vermisst du etwas, seit du vom Glauben abgefallen bist?

O’Brien: Schon, wobei es schwierig ist, die Religion durch ein alternatives System zu ersetzen, da dann sofort wieder hierarchische Strukturen ins Spiel kommen. Eigentlich mag ich den Gedanken, mich mit anderen Leuten an einem Ort zu treffen, um zur Ruhe zu kommen und zu beten. Das ist schon etwas anderes, als zu einem Konzert oder in eine Bar zu gehen. So abgedroschen es klingt: Wir wenden uns so verzweifelt unseren kleinen technischen Geräten zu und versuchen einen höheren Sinn in irgendwelchen Algorithmen zu sehen. Ich verstehe mein Album als einen Trip, mit dem man auf die Suche nach Substituten geht – und weil in der Regel irgendwann Ernüchterung einsetzt, und man wieder etwas Neues braucht, schließt das Ende der Platte einen Kreis zurück zum Anfang.

Du bringst auf der Platte akustische Instrumente und Elektronik zusammen und arbeitest mit Bläsern, Streichern, Samples und Beats. Klingen die Songs trotz der großen Kraftanstrengung so entspannt, weil du nach der Tour mit der Band und vielen Kollaborationen endlich mal wieder für dich allein werkeln und das Produzentenhandwerk lernen konntest?

O’Brien: Mein Religionsersatz ist vermutlich die Musik, zumindest wenn ich in ihr etwas Neues lernen kann. Und ja, ich bin schon der Typ, der es sehr genießt, seine Tür zuzumachen. Nach zwölf Jahren bin ich endlich von der Küste nach Dublin gezogen – und dann baue ich mir im Dachgeschoss ein kleines Studio, verbarrikadiere mich in der Wohnung und lese Handbücher. (lacht) Trotzdem habe ich mich in den letzten Jahren auch verändert. Wenn mir etwas gelingt, an dem ich sehr lange gewerkelt habe, fällt es mir sehr schwer, meine Freude nicht teilen zu können. Sie hat es mir nicht gesagt, aber meine beste Freundin hat sich bestimmt gewundert, dass ich sie in letzter Zeit so oft zu mir zum Essen eingeladen habe.

Interview: Carsten Schrader