FILM

Vom Ende einer Geschichte

Was macht ein Regisseur, wenn der Roman, den er verfilmen will, vorwiegend aus den Gedanken und Erinnerungen der Hauptfigur besteht? Er gibt dem Protagonisten Tony Webster ein Leben, das auch real stattfindet, mit stark präsenter Exfrau und schwangerer Single-Tochter. Diese und weitere Veränderungen im Drehbuch wurden in England durchaus diskutiert, denn Schriftsteller Julian Barnes ist dort einer der wichtigsten Romanciers der Gegenwart. Nun hat Barnes dem Guardian in einem Interview gesagt, er habe Regisseur Ritesh Batra und Drehbuchautor Nick Payne freie Hand gegeben. Barnes’ Ansage: Für die Verfilmung solle man das Buch an die Wand werfen, dann die Stücke aufheben und neu zusammensetzen. An die Wand geworfen und neu zusammengesetzt: So fühlt sich auch Tony (Oscar-Preisträger Jim Broadbent). Gerade noch geht er, obwohl schon im Ruhestand, täglich in seinen kleinen Fotoladen irgendwo in London, wo teure Leicas auf neue Besitzer warten. Da erhält er einen Brief mit der Ankündigung einer Erbschaft: das Tagebuch seines Klassenkameraden Adrian Finn aus frühen Schülerzeiten – und schon wird alles anders, vor allem der Blick auf die Erinnerung. Denn die trügt, um es mal milde auszudrücken. Man könnte auch sagen: Tony hat sich eine Legende gestrickt. Hatte Tony je Sex mit seiner ersten Liebe Veronica? Hatte er Veronica mit Adrian bekannt gemacht, oder war es Veronicas Bruder Jack? Wie war seine Reaktion, als Adrian ihm mitteilte, er sei jetzt mit Veronica zusammen? Und die Frage aller Fragen: Warum hat Adrian sich damals umgebracht?

Regisseur Ritesh Batra lässt uns lange zappeln. Rückblenden beginnen mit einer zischend ins Wasser eines Spülbeckens fliegenden Pfanne und hören beim nächtlichen Masturbieren ins Waschbecken noch lange nicht auf. Und bringen immer stärker die Gewissheit an den Tag: Es gab einen Moment in Tonys Leben, einen Moment voller tragischer Schuld. Tony wehrt sich gegen diese aufkommende Erkenntnis durch Aktionismus. Als sich Veronica (Charlotte Rampling) endlich zurückmeldet und einem Treffen zustimmt, ist er erleichtert. Als sie geht, verfolgt er sie, notiert sich ihre Autonummer, ja: Er spioniert sie regelrecht aus. Seine Ex Margaret muss sich ständig Berichte über neue Erkenntnisse anhören. Seine Schulfreunde, die er trifft, konfrontieren ihn mit seinen falschen Erinnerungen. Außerdem begleitet Tony seine schwangere Tochter in den Geburtsvorbereitungskurs. Batra hat „Vom Ende einer Geschichte“ als Geschichte einer Katharsis angelegt. War Barnes’ Vorlage düster, so ist die Geschichte der Adaption eine der Versöhnung. Tony lernt mit der wahren, schuldbehafteten Vergangenheit zu leben und mit ihr umzugehen. Sogar sein Umfeld bindet er dabei mit ein, und so wird aus einem kauzigen Eigenbrötler ein empathiefähiger Mensch. Das mag eingefleischten Barnes-Fans nicht gefallen – aber wer hat Drehbuchautor und Regisseur aufgefordert, das Buch an die Wand zu werfen? Na also. jw

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