FILM

Vor der Morgenröte

Beim deutschen Filmpreis wurde sie ähnlich wie Nicolette Krebitz und ihr herausragender „Wild“ übergangen. Doch Maria Schrader sollte sich nicht grämen. Zum einen kann sie für ihr innovativ-melancholisches Drama „Vor der Morgenröte“ immer noch den kulturnewsAward gewinnen. Und zum anderen gewinnen bei den großen Preisverleihungen doch eh immer nur die Konsensfilme – und der einzige Konsens, den es bei Schraders zweiter Regiearbeit geben kann, ist: dass „Vor der Morgenröte“ ein großartiger Film ist.

Die als Schauspielerin bekannt gewordene Schrader („Keiner liebt mich“, „Aimée & Jaguar“) erzählt aus dem Leben des vor den Nazis ins Exil geflüchteten Schriftstellers Stefan Zweig (anrührend sanft gespielt vom Kabarettisten Josef Hader), der 1934 Österreich verließ und verzweifelt versuchte, irgendwo auf der Welt eine neue Heimat zu finden. Der zu der Zeit meistgelesene deutschsprachige Autor und glühende Verfechter eines grenzenlosen, freien und friedlichen Europas findet schließlich im multiethnischen Brasilien einen Ort, an dem er sich niederlässt. Doch der radikale Pazifist Zweig, der sich stets vehement weigerte, wie sein großer Kollege Thomas Mann politisch Position gegen die Nazis zu beziehen, weil ein Künstler nur durch sein Werk wirken könne, wird auf seiner Odyssee immer unglücklicher. Er muss aus der Ferne mitansehen, wie die Gräuel des Faschismus alles, was ihm an Europa etwas bedeutete, zerstören und ausrotten; er steht hilflos vor den unzähligen Bittgesuchen der verfolgten Kollegen, die den berühmten Zweig um Asylhilfe betteln; er kann nicht schreiben und zur Ruhe kommen, weil die Welt nur Krieg und Tod, keine Kunst und Schönheit mehr kennt. 1942, kurz, nachdem er die „Schachnovelle“ abgeschlossen hat, nimmt sich Zweig emotional entkräftet gemeinsam mit seiner zweiten Frau in Brasilien das Leben.

Schrader inszeniert Zweigs Geschichte nicht wie in einem normalen Biopic, indem sie versucht, alles zu zeigen und so am Ende gar nichts richtig zu erzählen. Klug beschränkt sie sich auf sechs Episoden aus Zweigs Exilzeit zwischen 1936 und 1942, die sie in Echtzeit wiedergibt. Diese szenische Wiedergabe einer Lebensgeschichte ermöglicht es, den Figuren viel näher zu kommen, als es ein konventioneller Spielfilm vermocht hätte. Verzweiflung, Hoffnung, Trauer, leise Zuversicht: Alles kann man ablesen auf Haders Gesicht, der Film ist ein feines Psychgramm über die komplexe Seele des sensiblen Starautors. Die Leerstellen zwischen den einzelnen Episoden füllen sich dabei wie von alleine; Schrader gibt die Deutungshoheit über das Gesehene und auch das Nicht-Gesehene quasi an den Zuschauer zurück – eine ungemein anregende und aufklärerische Herangehensweise für ein mitdenkendes Publikum, die auch noch subtil die aktuelle weltweite Flüchtlingsproblematik aufnimmt.

„Vor der Morgenröte“ ist eine cineastische Glanzleistung und teiht sich ein in die Riege der aufregenden Filme wie „Victoria“, „Wild“ und den im Juli startenden Cannes-Teilnehmer „Toni Erdmann“, die in letzter Zeit die behäbige und risikoscheue einheimische Filmlandschaft aufmischen. vs