FILM

Wild

„Einen Film wie diesen hat es noch nicht gegeben“ – das schrieb der Hollywood Reporter über Nicolette Krebitz’ dritte Regiearbeit, nachdem diese beim für den Independentfilm-Bereich weltbedeutenden Sundance-Festival lief. Und, ja, „Wild“ ist in der Tat ein Novum, im von Risikoarmut geprägten deutschen Kino ist er geradezu eine Sensation, gleichzeitig Ereignis, Provokation, Parforceritt und auch Beruhigungspille: Der einheimische Film kann noch einmalig sein!

Die junge Ania lebt ein ödes Leben in einem öden IT-Job in einer öden Stadt. Dann sieht sie im Park einen Wolf – und beschließt, das Tier zu fangen und in ihre Wohnung zu bringen. Was vorher öde war, ist danach wild, denn für Ania ist der Wolf Neubeginn, Kumpel und Partner. Nicht nur ihrem Boss gefällt die verrohende Wolfsfrau besser als die Angestellte Ania …

Ausbruch aus der Konformität der modernen Zivilisation, Entdeckung der (wahren) weiblichen Sexualität, Erstkontakt mit dem Tier in uns, ein ausgerottetes, mythologisch aufgeladenes Raubtier als Sinnbild für die vom Menschen in sich und um sich herum verdrängte Natur – Krebitz bietet zahlreiche hochspannende Themen an und schenkt sie dem Kino bisher ungesehene Bilder: Wie die furchtlose Leinwanddebütantin Lilith Stangenberg in ihrem immer mehr zerstörten Hochhausapartment mit einem echten Wolf agiert, spielt, schmust – das stellt jeden perfekt animierten Tiger oder Bären aus Hollywood in den Schatten! Es ist schlicht atemberaubend in seiner Wahrhaftigkeit und Intensität.

Krebitz macht dabei keine halben Sachen; für Ania wählt sie den Weg der befreienden Radikalität, inklusive Defäkieren auf einen Schreibtisch und einem Schluss, der in seiner außerweltlichen Bildstärke die Grenzen zum Science-Fiction durchbricht. Man hat es wohl seit Jahrzehnten nicht mehr im Zuammenhang mit einem deutschen Film gesagt, aber: „Wild“ ist visionäre Kunst. vs

„Wild“ ist als DVD im Handel erhältlich.